Im Rahmen der Sendung „Fade in/Fade out – Remixing Culture“ wurde ich kürzlich vom Berliner Radiosender „Kulturwelle“ als Teil eines Feature-Beitrags zur Remix-Kultur interviewt. Der Bezug war mein gemeinsam mit Malte Pelleter in 2007 publizierter Artikel zu ästhetischen Strategien des Samplings im Hip Hop. Ich wünsche viel Spaß beim Nachhören des Beitrags unter diesem Link!

PS: Anfang des Jahres gab es ja bereits ein Interview mit dem Deutschlandfunk zu meinem Forschungsprojekt „Survey Musik und Medien„. Aus Dokumentationsgründen verlinke ich es hier auch noch mal zum Nachhören.

.. hatte ich bereits vor einiger Zeit versprochen und kann es nun endlich einlösen: Unter http://www.surveymusikundmedien.de lassen sich ab sofort vielfältige Infos zu Forschungsdesign, Projektfortschritt und ersten Ergebnisse zu der Frage „Wie hören die Deutschen heute Musik?“ abrufen. Momentan finden sich dort vor allem die quantitativen Ergebnisse der repräsentativen Bevölkerungsumfrage, diese werden aber in den kommenden Monaten sukzessive ergänzt, sobald auch Ergebnisse der Interviewstudie vorliegen. Ich wünsche viel Spaß beim Stöbern und freue mich über Feedback und konstruktive Kritik.

28.02.2013

Wäre dies nicht ernst gemeint, könnte man es lustig finden:

Der neue DJ-Tarif der GEMA.

28.01.2013

Drei zentrale Aspekte..

von Steffen Lepa

.. meines aktuellen Forschungsprojekts „Survey Musik und Medien“ waren der Inhalt einer Präsentation, die ich am vergangenen Donnerstag beim ZeMKI-Forschungskolloquium der der Universität Bremen auf Einladung gehalten habe. Aufgrund von Nachfragen hier nochmals das audiovisuelle Begleitmaterial zum Vortrag:

 

14.11.2012

Mein neues Forschungsprojekt „Survey Musik und Medien“ birgt einige interessante methodologische Herausforderungen, die ich hier kurz zusammenfassen möchte:

Im Kern geht es um die Frage, wie die komplexen Interaktionen von materiellen Technologien mit unterschiedlich geteilten sozialen Konstruktionen und habituellen Alltagspraktiken im Umgang mit Medientechnologien auf unterschiedlichsten Abstraktionsebenen (Mikro, Makro) sozialwissenschaftlich rekonstruiert werden können, um den langfristigen gesellschaftlichen Metaprozess der Mediatisierung des alltäglichen Musikhörens in Deutschland besser  verstehen zu können.  Im Folgenden wird es nur deswegen relativ wenig explizit um Musik selbst und weniger konkret um die damit verbundenen vielfältigen Praktiken und Erfahrungen im Alltag gehen, weil ich mich hier nur auf methodische Herausforderungen beziehen will – das ist aber nicht als für das Projekt programmatisch zu verstehen 😉

Eine gute Einführung in das  grundsätzliche Problem der Untersuchung von Mediatisierungsphänomenen unter den oben genannten Beobachtungskategorien findet sich aus meiner Sicht:

Hier und in längerer Form hier

..> Insbesondere das Kapitel „Media Matters“

Es folgen nun drei zentrale sensibilisierende Konzepte, mit denen wir uns  im Projekt den Problemen nähern möchten und von denen wir glauben, dass Sie angemessene metatheoretische und methodologische Antworten auf jene Herausfordungen darstellen:

MEDIENAFFORDANZEN

Darunter verstehe ich die Eigenschaften von materiellen Medienangeboten, die aufgrund ihrer spezifischen Form (Software und Hardware) strukturell rahmende Funktionen übernehmen: Die Form eines „Mediums“ bildet Situative Constraints – Begrenzungen oder Erweiterungen des möglichen menschlichen Handlungs- und Wahrnehmungsraums in ganz unterschiedlichen Situationen, die auch von ganz unterschiedlichen Arbeitsgruppen im DFG-Schwerpunktprogramm „Mediatisierte Welten“ untersucht werden- das mit Hilfe medialer Technologien realisierte Musikhören im Alltag ist Thema unseres Projekts. Bei Affordanzen geht es offensichtlich um ein Konzept auf der „Mikro-Ebene“. (Im aktuellen internationalen Jargon der Medien- und Kommunikationswissenschaften reden wir also zunächst hier nur von  „mediation“ und nicht „mediatization“ – Ein Konzept, welches demgegenüber im Sinne von Friedrich Krotz (2001) den langfristischen Metaprozess gesellschaftlichen Wandels, bedingt durch die soziale Aneignung von Medientechnologien versucht in den Blick zu nehmen, dazu  mehr siehe weiter unten )

Auf Besis der Ontologie und Epistemologie einer kritisch-realistischen Medienforschung (Lepa, 2010), aber auch bei Norman (1988 und später) lassen sich auf der Ebene der Mediation mindestens reale Affordanzen (Idealtypische Beschreibung, dessen was Menschen mit spezifische Dispositionen prinzipiell in der Interaktion mit dem Medium psychophysisch ermöglicht würde ) von situativ wahrgenommenen Affordanzen (situativ oder langfristig von einem spezifischen Individuum oder einer Gruppe in einem Kontext als möglich, beobachtbar und legitim angenomene „Leistungen“ bei der Interaktion mit einem Medium) unterscheiden. Zusätzlich könnte man noch von alltagspraktisch realisierten Affordanzen sprechen, um habituelle Strukturen und Muster der Mediennutzung zu beschreiben, welche dann auch das Zustandekommen von Medienrepertoires (gesellschaftsweite Muster des kombinierten Mediengebrauchs, siehe weiter unten) erklären können.

Eine gute Einführung in das zugrundeliegende metatheoretische Konzept der „Affordances“ bekommt man

hier

Wie lassen sich im Gegensatz zu „wahrgenommenen Affordanzen“, die typischerweise mit Grounded Theory ähnlichen Verfahren empirisch rekonstruiert werden, nun „alltagspraktisch realisierte Affordanzen“ empirisch rekonstruieren?

MEDIENDISPOSITIVE

Unter Mediendispositiven verstehe ich gemeinsam mit Alexander Geimer (2011) idealtypische, subjektüberschreitende Situationsbeschreibungen des Umgangs mit spezifischen Medienangeboten auf Basis empirischer Situationsrekonstruktionen aus narrativen Beschreibungen (z. B. Interviewstudien, Gruppendiskussionen, Beobachtungsstudien)  von typischen Handlungen, Erfahrungen, wahrgenommenen Affordanzen, sowie diskursiven „Geboten“ und „Verboten“ bei der persönlichen Angebotsnutzung (im Projekt: Bei der Nutzung von Technologien zum Musikhören).Eine gute (allerdings zunächst rein theoretische) Einführung in das Nachdenken über Mediendispositive in einem ähnlichen Sinne, wie wir sie verstehen, bietet:

Melita Zajc

Wir erhoffen uns, dass jene empirisch gewonnenen Beschreibungen uns Spuren und Verweise auf  mediale Dispositivstrukturen „mittlerer Reichweite“  liefern,  hier lehenen wir uns teilweise an  Bührmann und Schneiders (2008) Dispositivkonzept an, von dem wir einige Ideen übernehmen und auf das Problem mediatisierter Alltagspraxis (im Projekt: alltägliches Musikhören mit Medien) zu beziehen versuchen. Dies bedingt eineseits zunächst die Zuschreibungen der „Leistungen“ von Medienangeboten im Sinne von diskursivem Wissen zu rekonstruieren, also „wahrgenommene Affordanzen“ zu rekonstruieren. Im Sinne der Dispositivvorstellung vermuten wir aber ferner auch, dass sich in Mustern des habituellen Gebrauch von spezifischen Medien ein Hinweis auf besonders ausgeprägte „Subjektivierungsgelegenheiten“  verbirgt, dass sich in der gewählten Nutzungsweise also ein besonderes Enaktierungspotential für einen spezifischen Habitus dokumentiert. Insofern versuchen wir methodisch, alltagspraktisch realisierte Affordanzen, also alltagpraktisch „verankertes“ Wissen von rein diskursiven Zuschreibungen zu scheiden.

Mediendispositive bilden im Projekt damit gewissermaßen eine Brücke zwischen Mediations- und Mediatisierungsproblematik. Anderereits spielen sie im Projekt aber nur eine  methodisch-instrumentelle Rolle: Es kommt uns bei „Survey Musik und Medien“ gerade nicht darauf an, jene Situationen als Selbstzweck  zu beschreiben oder zu generalisieren – es geht uns nicht darum, die Apparatustheorien der 1970er Jahre wieder aufleben zu lassen. Dies würde auch gar keinen Sinn machen, da die Gesschwindigkeit der Medienentwicklung seit der Digitalisierung ohnehin ständig neue potentielle Dispositive aus Hardware, Software und möglichem praktischen Umgang damit herbringt. Wir hoffen vielmehr, dass sich „in Situ“ wohlmöglich a) die wahrgenommenen Affordanzen aus Sicht der Vertreter unterschiedlicher Milieus und b) der alltagspraktische Sinn verschiedener Formen der Interaktionen mit Medien im Sinne eines habituellen Umgangs  besser rekonstruieren lässt. Das heißt: Die Situationsrekonstruktionen sollen uns im Sinne des Anliegens des DFG-Schwerpunktprogramms metatheoretische Aufschlüsse auf Grundprinzipien der Mediation (Affordanzproblematik – die Mikroebene des Medienhandlens –> „was kann wem welche Medientechnologie ermöglichen?“)  einerseits und den Prozess der Mediatisierung (langfristischer gesellschaftlicher Wandel habituellen Medienumgangs –> „welche Formen des Medienhandelns setzen sich bei wem durch?“) andererseits liefern -. In gewisser Hinsicht nutzen wir die Situation also lediglich als Verweis auf situationsübergreifende Prinzipien.  Für die letztgenannte Frage – die nach dem Blick auf die zeitliche und soziale Extension der bislang nur intensiv betrachteten Phänome bedarf es jedoch schließlich noch eines weiteren Konzepts:

MEDIENREPERTOIRES

Dieses Konzept von Uwe Hasebrink (2008) wird im Projekt „Survey Musik und Medien“ schließlich verwendet, um den Mediatisierungsprozess auf der Makro-Ebene als Verdichtung bestimmter milieuspezifischer Formationen des „kombinierten Medienumgangs“ (Muster der kombinierten Nutzung unterschiedlicher Technologien des Musikhörens – jetzt im Sinne von „Techné„) in Gesellschaften und Kohorten empirisch repräsentativ beobachten und deren probabilistische Voraussetzungen systematisch erklären zu können. Dabei geht es um genau jene Formationen,  die wir parallel versucht haben auf Mikro-Ebene, gewissermaßen als „Mediennutzer-Milieus“ tiefer zu verstehen. Insbesondere von der Triangulation der Ergebnnisse einer Latenten Klassenanalyse (LCA) (bzw. latenten Profilanalyse / Mixture Model) der Daten einer deutschlandweiten Survey-Umfrage zum musikbezogenen Medienhandeln mit Ergebnissen einer biographischen Interviewstudie mit prototypischen VertreterInnen der ermittelten Repertoires erhoffen wir uns, ein zentrales methodisches Problem von repräsentativen Querschnittstudien zumindest teilweise relativieren zu können, nämlich Alters- von Kohorteneffekten unterscheiden zu können. Desweiteren lassen sich aber auch Einflüsse sozialer Positionsvariablen auf die Mediennutzung sowohl statistisch korrelativ belegen, als wohlmöglich auch durch die Ergebnisse der Mediendispositivanalyse mit dichten Beschreibungen der zugrundeliegenden Mechanismen anreichern und so in Bezug auf Genese und Beharrlichkeit verstehen- Auf diesem Weg der Verknüpfung von Mikro-analytischen Betrachtung der Mediation des Alltagshandelns und der Makro-Betrachtung des generationalen Wandels und der sozialen Ungleichheiten im Hinblick auf den gesamtgesellschaftlichen Mediatisierungsprozess können wir dann schließlich hoffentlich ein wenig besser verstehen und erklären, „wohin die Reise“ der Mediatisierung in Bezug auf das alltägliche Musikhören zur Zeit in Deutschland hinzugehen scheint (ohne damit einen Anspruch auf Prädiktion erheben zu wollen).

Eine Einführung zum Konzept der Medienrepertoires findet sich hier.

09.03.2012

.. möchte auch ich hier in meinem Blog den famosen Text „Wir, die Netzkinder“ des polnischen Dichters Piotr Czerski verlinken, der inzwischen als heimliches Manifest der Internet-Generation gilt. Besonders in den letzten drei Monaten mehren sich meines Empfindens die Zeichen, das Politik und Gesellschaft inzwischen nicht mehr an dem dort referenzierten „Wir“ vorbeikommen und vielleicht könnte daraus ja so etwas wie ein „europäischer Frühling der direkten Demokratie“ im Schatten der Finanz- bzw. Bankenkrise werden… Naja, man wird ja wohl noch mal träumen dürfen!

02.02.2012

Und auch die FAZ…

von Steffen Lepa

.. hat nun endlich den Paradigmenwechsel beim alltäglichen Musikhören bemerkt:

Im Song nur Mieter (2. Februar 2012)

Dann kann es ja jetzt nicht mehr lange dauern, bis es auch beim ehemaligen Nachrichtenmagazin SPIEGEL ankommt 😉

Ich bin in der letzten Zeit sehr mit einigen Tagungen und Artikeln beschäftigt gewesen, so dass ich länger nicht mehr zum bloggen kam. Daher hier nun ein paar Updates über die Aktivitäten der letzten Zeit, angereichert mit  Gedanken zum Tages- und Weltgeschehen:

Anfang Juni hatte ich zunächst die Ehre, meine erste „Invited Keynote“ zu halten, dies überdies auf Englisch: Auf der „DAAD Summer School for German Studies“ im schönen (aber kalten) Edinburgh, die sich dem Thema der „Stimmungen“ verschrieben hatte, hielt ich einen Vortrag zum Thema „Attuning with the Artwork – Theodor Lipps‘ Concept of Aesthetische Einfühlung and the Case of Mediatized Music“. Im Wesentlichen ging es mir im Vortrag darum aufzuzeigen, wie aktuell heute noch die Ideen der sogenannten „Einfühlungspsychologie“ in Tradition Theodor Lipps sind und wie sie mir insbesondere beim Verständnis der ästhetischen Erfahrungen beim (medialen) Musikhören helfen konnten. Die Tagung hatte ansonsten ein buntes und interessantes Programm mit sowohl historischen als auch zeitgenössischen Themen, die alle um Stimmungen, Atmosphären und Affekt kreisten, es waren auch ein paar andere Kollegen aus dem Exzellenzcluster dort, mit denen man sich kurzweilig die Zeit bei den „Socials“ in diversen Pubs vertreiben konnte. Außerdem lieh ich mir auch ein Fahrrad und erkundete ein wenig die umliegenden Highlands und den UK-Linksverkehr. Da es leider keinen Tagungsband gibt, hoffe ich auf die Gelegenheit, den Vortrag noch in überarbeiteter Form irgendwo in Zukunft publizieren zu können. Der bei der Vorbereitung vorgenommene Streifzug in die Frühzeit der Sozialwissenschaften und Psychologie war für mich hochinteressant, sehr hilfreich waren dabei insbesondere die digitalen Archive des Max-Planck-Instituts für Wissenschaftsgeschichte und natürlich vom Internet Archive.

Der Sommer war dieses Jahr im Hinblick auf das Wetter leider sehr enttäuschend. Ich hatte mir viele Fahrradtouren durch Brandenburg, Mecklenburg-Vorpommern, Südschweden und Polen vorgenommen, konnte aber aufgrund von Kälte und Regenfällen leider nur einen Bruchteil davon realisieren, auch einige geplante Musik Open Air Festivals habe ich daher nicht besucht. Nichtsdestotrotz gelang mir dennoch, mich gut zu erholen und im Anschluss die Planung der Experimente für meine aktuelle Studie voran zu treiben und zwei weitere Vorträge vorzubereiten.

Dies waren einerseits eine Vorstellung und wissenschaftstheoretische Einordnung des in meiner Dissertation entwickelten Verfahrens der Postrezeptiven Lesartenanalyse (PLA) auf der Jahrestagung der Fachgruppe „Methoden“ der DGPUK, die unter dem (für mich sehr passenden) Motto „Standardisierung und Flexibilisierung“ stand. Sehr interessant fand ich den ebenfalls dort vorgestellten Mixed Methods Ansatz von Eva Baumann. Vielleicht wird sich in naher Zukunft gar ein Trend der Einsicht abzeichnen, dass bestimmte Grundprobleme der Medienrezeptionsforschung weder ausschließlich qualitativ noch quantitativ befriedigend angegangen werden können? Man wird sehen.. Als weiteren wichtigen und guten Beitrag dieser Konferenz möchte ich noch den Vortrag von Christoph Klimmt und Alexanda Sowka hervorheben, in dem pointiert auf viele bestehende  Probleme bei der Operationalisiserung von Medienkompetenz eingegangen wurde.

Mein zweiter Vortrag fand vergangene Woche im Rahmen der GfM-Jahrestagung zum Thema „Dysfunktionalitäten“ statt. Es ging mir darum aufzuzeigen, wie die realistische Wahrnehmungsökologie James J. Gibsons dabei helfen kann, Medientheorie und Psychoakustik so zu verbinden, dass sich Probleme beim Verstehen der Phänomenologie alltäglichen Musikhörens konstruktiv angehen lassen, es war gewissermaßen eine Weiterführung meines Artikels im demnächst bei Transcript erscheinenden Bands „Auditive Medienkulturen“ (herausgegeben von Axel Volmar und Jens Schröter). Es wäre zu viel verlangt, alle interessante Vorträge der vergangenen 4 Tage hier zusammenzufassen, daher möchte ich nur ein paar wichtige genannt haben: Zunächst natürlich die Keynote von Rick Altman über „alten Wein in neuen Schläuchen“, der anhand der Vermarktung von Ton-Bild-Synchronisationstechnik und Mikrofonen das (nicht immer einfach) Zusammenspiel zwischen „Ingenieursdenke“, Marketing und Alltagspraxis der Nutzer aufzeigte. Weiterhin zu nennen wäre der Vortrag von Marcus S. Kleiner über die Dialektik von Subversion und Kommerz in der Populärkultur, sowie des „Clusterkollegen“ Julian Hanichs Beitrag zu Ärger, Scham und Ekel bei der Kinoerfahrung. Das Panel der AG „Akustische Medien“ (demnächst vielleicht unter neuem, die Medienentwicklung reflektierenden Namen) brachte schließlich erwartungsgemäß die für mich spannendsten Vorträge. Zu nennen wäre hier insbesondere die Beiträge von Thomas Wilke („Scratch that! Vom störenden Geräusch zur komplexen Performance“) und Carla Müller-Schulzke („Störgeräusche an den Rändern des urbanen Raumes“).

Zwei aktuelle Phänomene im politischen Geschehen der letzten Zeit bedürfen schließlich auch noch eines Kommentars: Einerseits ist dies der Aufstieg der Piratenpartei in die bundesdeutsche mediale Aufmerksamkeitsökonomie durch ihren Achtungserfolg bei den Wahlen zum Berliner Abgeordnetenhaus. Ich kann diesen nur begrüßen, allein schon weil Wahlanalysen zeigen, dass diese Partei als einzige scheinbar etwas gegen Politikverdrossenheit in dieser Republik zu unternehmen in der Lage ist. Zudem freue ich mich natürlich auch, selbst in dem Wahlkreis zu leben, in dem die Piraten ihr mit ca. 23% ihr zweitstärkstes Ergebnis in Berlin eingefahren haben. Ob die Piraten als Partei tatsächlich einen neuen Politikstil befördern werden oder schnell der unseligen „Vergrünung“ anheim fallen, bleibt noch abzuwarten. Es steht aber fest, dass sie schon jetzt ihr wichtigstes Ziel erreicht haben: Weder Politik noch Medien kommen in Zukunft um die öffentliche Verhandlung zentraler Fragen von Transparenz, Direkter Demokratie, Netzpolitik und Bürgerrechte noch herum. Da sich bislang KEINE Partei (und am wenigsten die vielleicht „usrprünglich zuständige“ FDP) damit ernsthaft befasst hat, ist dies ein schöner Erfolg. Wir werden in den nächsten Wochen und Monaten dadurch viele Interessante Entwicklungen erleben, wie sich jetzt schon durch den Bundestrojaner-Hack-Scoop abzeichnet, dem (ausgerechnet) das Sturmgeschütz des Konservativismus ein prominentes Forum bietet. Allerdings erfindet sich ja das konservative Lager zur Zeit eh neu, wie schon an Schirrmachers überraschenden Äußerungen zur Finanzkrise der letzten Zeit ersichtlich wurde.

Anonsten ist noch der Erfinder der weißen Computer mit abgebissenen Äpfeln drauf verstorben. Für mich eine Figur wie Thomas Alvar Edison, der deren Schicksal teilt, für die falschen Dinge verehrt und geheiligt zu werden. Der einzig gute Nachruf fand sich dieser Tage im ehemaligen Nachrichtenmagazin. Ich ahne schon, dass die Verklärungen in Zukunft noch zunehmen werden, etwa wird man vermutlich bei der Vorstellung jedes neuen iPhone-Modells Fragen danach lesen müssen, ob dies „unter Steve“ auch so gelaufen wäre, etc. pp.  Auch hier gilt aber natürlich der alte Spruch des Zen-Meisters: Man wird sehen…

.. darum kann man eigentlich nicht genug Werbung dafür machen:

 

Emmanuel Goldstein ist nun angeblich tot. Zeit also, inne zu halten und sich die Frage zu stellen, ob sich nun der ganze Rummel um ihn für irgendjemanden auch nur ansatzweise ausgezahlt hat.  Beim darüber nachdenken fallen mir nicht viele Menschen ein, für die es sich wirklich nachhaltig im positiven Sinne gelohnt hätte, selbst was diejenigen angeht, die das wohl mal eine Weile dachten. Also lassen wir so einen flachen dümmlichen todbringenden Quatsch in Zukunft besser lieber sein – und freuen uns, dass „die Leute“ ™  vielleicht doch ein wenig schlauer sind.  Naja, vielleicht war auch der große Bruder zu dämlich. Man weiß es nicht. Abwarten und Tee trinken. Ich hoffe jedenfalls das Beste für die Zukunft.

Whatever, es gilt noch zwei wissenschaftliche Tagungen nach zu besprechen, darauf hat mich Alex vorgestern beim Kreuzberger MyFest, wo ich mich ob des schlechten Wetter leider erneut erkältet habe, zu Recht hingewiesen.

Nun also: In Zagreb fand Anfang April die Tagung „New challenges and methodological innovations in European media audience research„, finanziert durch die EU COST Action IS0906 statt. Im von den Temperaturen her geradezu frühsommerlichen Kroatien trafen sich bei blendendem Wetter über 300 Profi- und Nachwuchswissenschaftler aus den Medien- und Kommunikationswissenschaften um bei gutem Essen und günstigem Bier und Wein entlang von mehr als 60 englischsprachigen Vorträgen verteilt über mehr als 20 Panels (in der Regel 2-3 parallel)  über die Herausforderungen der Rezeptionsforschung im 21. Jahrhundert zu diskutieren, die kollektiv insbesondere entlang der Achsen bzw. Schlagworte  Mobilität, Crossmedialität und Medienkonvergenz gesehen wurden. Die Qualität der Beiträge war, wie so oft bei internationalen Tagungen, sehr heterogen.  Sternstunden waren für mich insbesondere die Beiträge von ex-ICA-Präsidentin Sonia Livingstone zu Problemen bei der Implementation von Medienkompetenzförderprogrammen und Klaus Bruhn Jensen über seine Theorie des Three-Step-Flows der Medienkommunikation. Methodisch ansprechend fand ich ferner den Vortrag von Cedric Courtois und Peter Mechant (Ghent) über Möglichkeiten, Web 2.0 APIs zur Unterstützung von Social Media Forschung einzusetzen und dies mit Strukturgleichungs- und Wachstumskurvenmodellierung zu verknüpfen. Ebenfalls sehr Interessant und mit ähnlichen Impetus wie der Vortrag, den Alex Geimer und ich über unseren Ansatz einer sozialwissenschaftlichen Mediendispositivanalyse hielten, war die Keynote von Uwe Hasebrink vom Hans-Bredow-Institut über Medienrepertoire-Analysen und der Vortrag von seiner Frau Ingrid Paus-Hasebrink (Uni Salzburg) über ihr Projekt zur Nutzung von Medienangeboten innerhalb von Familien. Richtig negativ ist mir eigentlich nichts auf der Tagung aufgefallen, außer vielleicht das manche Kollegen das enge Zeitbudget zu strecken versuchten, in dem sie wirklich wasserfallartig sprachen (und ich meine wirklich zu schnell!). Die Betreuung, Verköstigung und Gastfreundschaft waren jedenfalls super und ich hoffe, dass es noch den angekündigten Tagungsband geben wird. Die sich quer über die ganze Tagung ziehenden Schlüsselthemen waren für mich Medienkompetenz und Medienrepertoires, sicher nicht ganz unbeeinflusst durch persönliche Vorlieben.

Unter gänzlich anderen Vorzeichen und insbesondere anderen Witterungsbedingungen fand in Bremen die internationale Tagung „Mediatized Worlds“  als Auftakt des DFG-Schwerpunktprogramms „Mediatisierte Welten“ unter Leitung des renommierten Bremer Kommunikationswissenschaftlers Friedrich Krotz statt. Diese war etwas kleiner (130 WissenschaftlerInnen) und,  (bei dem Thema kaum verwunderlich) viel stärker soziologisch geprägt als Zagreb und durch deutsche, englische und skandinavische ForscherInnen dominiert. Ich selbst stellte dort meinen Ansatz zur Mixed-Method-Medienrepertoire-Analyse in Bezug auf die Nutzung technischer Musikabspielmedien vor, der im Panel zu „Mediatized Art and Music“ verortet worden war. Highlights der Tagung waren für mich die Vorträge von Jan H. Passoth (Bielefeld) zum „Quantifizierten Zuhörer“, sowie die Keynote von Stig Hjarvard, in der er versuchte, theoretische und methodologische Brücken zwischen dem auf der Tagung theoretisch diskutierten Makroprozess (Mediatisierung) und empirisch untersuchten Mikroprozessen (Mediation) zu schlagen, und letztere vor allem mit James J. Gibson Affordanztheorie zu verstehen suchte (auf die ich mich in einem aktuellen Paper auch beziehe). Außerdem beachtlich war der Vortrag von Wolfgang Reißmann zum Gebrauch von Fotos in Social Networks durch Jugendliche. Leider war ich schon am ersten Tag (auch während meines Vortrags) sehr stark erkältet (wohl noch eine Folge des Klimawechsels, zwischen Zagreb und Bremen lagen nur wenige Tage), so dass ich mich entschloss, das frühmorgendliche Panel am zweiten Tag auszusparen, so dass mir der Vortrag von Ulrike Wagner (jff) über das Informationsverhalten Jugendlicher entging. Sehr spannend waren jedoch die Vorträge von Corinna Peil zum Domestication Approach und Michael S. Daubs zum inhärenten ideologischen  Paradoxon der Piratenpartei. Alles in allem waren die Vorträge im Vergleich zu Zagreb hier in Bremen  größtenteils inhaltlich deutlich anspruchsvoller – allerding scheint mir ein grundlegendes Problem der empirisch ausgerichteten Projekte darin zu liegen, den Meta-Prozess „Mediatisierung“, wie Krotz ihn fasst, mit Mikrophänomenen der Mediation, wie die dominierend eingesetzten qualitativ-interpretativen Forschungsmethoden sie herausarbeiten, schlüssig zu verknüpfen. Dies scheint mir ein Wiederaufflackern alter Probleme von Handeln und Strukturen zu sein, die ja in der Soziologie nix Neues sind, aber ich hätte mir schon irgendwie eine Bemerkung oder einen Kommentar  dazu gewünscht, ob denn sowas wie ein „Badewannenmodell der Mediatisierung“ theoretisch angedacht ist. Mein Vortrag schlug letztlich auch in diese methodologische Bresche (wenn auch auf andere Weise)  und wurde, so weit ich das beurteilen kann, recht positiv aufgenommen.

Soweit also zu den letzten Highlights aus der Welt der Tagungen – nun begann vor kurzem in Berlin das Sommersemester und ich bin recht stark durch mein aktuelles Seminar zur empirischen Rezeptionsforschung eingespannt. Nichtsdestotrotz macht es auch durchaus viel Spaß mal wieder zu lehren und interessante inhaltliche Anregungen und neugierige Fragen von Studierenden zu bekommen.

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