11.14.2012

Mein neues Forschungsprojekt „Survey Musik und Medien“ birgt einige interessante methodologische Herausforderungen, die ich hier kurz zusammenfassen möchte:

Im Kern geht es um die Frage, wie die komplexen Interaktionen von materiellen Technologien mit unterschiedlich geteilten sozialen Konstruktionen und habituellen Alltagspraktiken im Umgang mit Medientechnologien auf unterschiedlichsten Abstraktionsebenen (Mikro, Makro) sozialwissenschaftlich rekonstruiert werden können, um den langfristigen gesellschaftlichen Metaprozess der Mediatisierung des alltäglichen Musikhörens in Deutschland besser  verstehen zu können.  Im Folgenden wird es nur deswegen relativ wenig explizit um Musik selbst und weniger konkret um die damit verbundenen vielfältigen Praktiken und Erfahrungen im Alltag gehen, weil ich mich hier nur auf methodische Herausforderungen beziehen will – das ist aber nicht als für das Projekt programmatisch zu verstehen 😉

Eine gute Einführung in das  grundsätzliche Problem der Untersuchung von Mediatisierungsphänomenen unter den oben genannten Beobachtungskategorien findet sich aus meiner Sicht:

Hier und in längerer Form hier

..> Insbesondere das Kapitel „Media Matters“

Es folgen nun drei zentrale sensibilisierende Konzepte, mit denen wir uns  im Projekt den Problemen nähern möchten und von denen wir glauben, dass Sie angemessene metatheoretische und methodologische Antworten auf jene Herausfordungen darstellen:

MEDIENAFFORDANZEN

Darunter verstehe ich die Eigenschaften von materiellen Medienangeboten, die aufgrund ihrer spezifischen Form (Software und Hardware) strukturell rahmende Funktionen übernehmen: Die Form eines „Mediums“ bildet Situative Constraints – Begrenzungen oder Erweiterungen des möglichen menschlichen Handlungs- und Wahrnehmungsraums in ganz unterschiedlichen Situationen, die auch von ganz unterschiedlichen Arbeitsgruppen im DFG-Schwerpunktprogramm „Mediatisierte Welten“ untersucht werden- das mit Hilfe medialer Technologien realisierte Musikhören im Alltag ist Thema unseres Projekts. Bei Affordanzen geht es offensichtlich um ein Konzept auf der „Mikro-Ebene“. (Im aktuellen internationalen Jargon der Medien- und Kommunikationswissenschaften reden wir also zunächst hier nur von  „mediation“ und nicht „mediatization“ – Ein Konzept, welches demgegenüber im Sinne von Friedrich Krotz (2001) den langfristischen Metaprozess gesellschaftlichen Wandels, bedingt durch die soziale Aneignung von Medientechnologien versucht in den Blick zu nehmen, dazu  mehr siehe weiter unten )

Auf Besis der Ontologie und Epistemologie einer kritisch-realistischen Medienforschung (Lepa, 2010), aber auch bei Norman (1988 und später) lassen sich auf der Ebene der Mediation mindestens reale Affordanzen (Idealtypische Beschreibung, dessen was Menschen mit spezifische Dispositionen prinzipiell in der Interaktion mit dem Medium psychophysisch ermöglicht würde ) von situativ wahrgenommenen Affordanzen (situativ oder langfristig von einem spezifischen Individuum oder einer Gruppe in einem Kontext als möglich, beobachtbar und legitim angenomene „Leistungen“ bei der Interaktion mit einem Medium) unterscheiden. Zusätzlich könnte man noch von alltagspraktisch realisierten Affordanzen sprechen, um habituelle Strukturen und Muster der Mediennutzung zu beschreiben, welche dann auch das Zustandekommen von Medienrepertoires (gesellschaftsweite Muster des kombinierten Mediengebrauchs, siehe weiter unten) erklären können.

Eine gute Einführung in das zugrundeliegende metatheoretische Konzept der „Affordances“ bekommt man

hier

Wie lassen sich im Gegensatz zu „wahrgenommenen Affordanzen“, die typischerweise mit Grounded Theory ähnlichen Verfahren empirisch rekonstruiert werden, nun „alltagspraktisch realisierte Affordanzen“ empirisch rekonstruieren?

MEDIENDISPOSITIVE

Unter Mediendispositiven verstehe ich gemeinsam mit Alexander Geimer (2011) idealtypische, subjektüberschreitende Situationsbeschreibungen des Umgangs mit spezifischen Medienangeboten auf Basis empirischer Situationsrekonstruktionen aus narrativen Beschreibungen (z. B. Interviewstudien, Gruppendiskussionen, Beobachtungsstudien)  von typischen Handlungen, Erfahrungen, wahrgenommenen Affordanzen, sowie diskursiven „Geboten“ und „Verboten“ bei der persönlichen Angebotsnutzung (im Projekt: Bei der Nutzung von Technologien zum Musikhören).Eine gute (allerdings zunächst rein theoretische) Einführung in das Nachdenken über Mediendispositive in einem ähnlichen Sinne, wie wir sie verstehen, bietet:

Melita Zajc

Wir erhoffen uns, dass jene empirisch gewonnenen Beschreibungen uns Spuren und Verweise auf  mediale Dispositivstrukturen „mittlerer Reichweite“  liefern,  hier lehenen wir uns teilweise an  Bührmann und Schneiders (2008) Dispositivkonzept an, von dem wir einige Ideen übernehmen und auf das Problem mediatisierter Alltagspraxis (im Projekt: alltägliches Musikhören mit Medien) zu beziehen versuchen. Dies bedingt eineseits zunächst die Zuschreibungen der „Leistungen“ von Medienangeboten im Sinne von diskursivem Wissen zu rekonstruieren, also „wahrgenommene Affordanzen“ zu rekonstruieren. Im Sinne der Dispositivvorstellung vermuten wir aber ferner auch, dass sich in Mustern des habituellen Gebrauch von spezifischen Medien ein Hinweis auf besonders ausgeprägte „Subjektivierungsgelegenheiten“  verbirgt, dass sich in der gewählten Nutzungsweise also ein besonderes Enaktierungspotential für einen spezifischen Habitus dokumentiert. Insofern versuchen wir methodisch, alltagspraktisch realisierte Affordanzen, also alltagpraktisch „verankertes“ Wissen von rein diskursiven Zuschreibungen zu scheiden.

Mediendispositive bilden im Projekt damit gewissermaßen eine Brücke zwischen Mediations- und Mediatisierungsproblematik. Anderereits spielen sie im Projekt aber nur eine  methodisch-instrumentelle Rolle: Es kommt uns bei „Survey Musik und Medien“ gerade nicht darauf an, jene Situationen als Selbstzweck  zu beschreiben oder zu generalisieren – es geht uns nicht darum, die Apparatustheorien der 1970er Jahre wieder aufleben zu lassen. Dies würde auch gar keinen Sinn machen, da die Gesschwindigkeit der Medienentwicklung seit der Digitalisierung ohnehin ständig neue potentielle Dispositive aus Hardware, Software und möglichem praktischen Umgang damit herbringt. Wir hoffen vielmehr, dass sich „in Situ“ wohlmöglich a) die wahrgenommenen Affordanzen aus Sicht der Vertreter unterschiedlicher Milieus und b) der alltagspraktische Sinn verschiedener Formen der Interaktionen mit Medien im Sinne eines habituellen Umgangs  besser rekonstruieren lässt. Das heißt: Die Situationsrekonstruktionen sollen uns im Sinne des Anliegens des DFG-Schwerpunktprogramms metatheoretische Aufschlüsse auf Grundprinzipien der Mediation (Affordanzproblematik – die Mikroebene des Medienhandlens –> „was kann wem welche Medientechnologie ermöglichen?“)  einerseits und den Prozess der Mediatisierung (langfristischer gesellschaftlicher Wandel habituellen Medienumgangs –> „welche Formen des Medienhandelns setzen sich bei wem durch?“) andererseits liefern -. In gewisser Hinsicht nutzen wir die Situation also lediglich als Verweis auf situationsübergreifende Prinzipien.  Für die letztgenannte Frage – die nach dem Blick auf die zeitliche und soziale Extension der bislang nur intensiv betrachteten Phänome bedarf es jedoch schließlich noch eines weiteren Konzepts:

MEDIENREPERTOIRES

Dieses Konzept von Uwe Hasebrink (2008) wird im Projekt „Survey Musik und Medien“ schließlich verwendet, um den Mediatisierungsprozess auf der Makro-Ebene als Verdichtung bestimmter milieuspezifischer Formationen des „kombinierten Medienumgangs“ (Muster der kombinierten Nutzung unterschiedlicher Technologien des Musikhörens – jetzt im Sinne von „Techné„) in Gesellschaften und Kohorten empirisch repräsentativ beobachten und deren probabilistische Voraussetzungen systematisch erklären zu können. Dabei geht es um genau jene Formationen,  die wir parallel versucht haben auf Mikro-Ebene, gewissermaßen als „Mediennutzer-Milieus“ tiefer zu verstehen. Insbesondere von der Triangulation der Ergebnnisse einer Latenten Klassenanalyse (LCA) (bzw. latenten Profilanalyse / Mixture Model) der Daten einer deutschlandweiten Survey-Umfrage zum musikbezogenen Medienhandeln mit Ergebnissen einer biographischen Interviewstudie mit prototypischen VertreterInnen der ermittelten Repertoires erhoffen wir uns, ein zentrales methodisches Problem von repräsentativen Querschnittstudien zumindest teilweise relativieren zu können, nämlich Alters- von Kohorteneffekten unterscheiden zu können. Desweiteren lassen sich aber auch Einflüsse sozialer Positionsvariablen auf die Mediennutzung sowohl statistisch korrelativ belegen, als wohlmöglich auch durch die Ergebnisse der Mediendispositivanalyse mit dichten Beschreibungen der zugrundeliegenden Mechanismen anreichern und so in Bezug auf Genese und Beharrlichkeit verstehen- Auf diesem Weg der Verknüpfung von Mikro-analytischen Betrachtung der Mediation des Alltagshandelns und der Makro-Betrachtung des generationalen Wandels und der sozialen Ungleichheiten im Hinblick auf den gesamtgesellschaftlichen Mediatisierungsprozess können wir dann schließlich hoffentlich ein wenig besser verstehen und erklären, „wohin die Reise“ der Mediatisierung in Bezug auf das alltägliche Musikhören zur Zeit in Deutschland hinzugehen scheint (ohne damit einen Anspruch auf Prädiktion erheben zu wollen).

Eine Einführung zum Konzept der Medienrepertoires findet sich hier.

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