02.14.2010

Das Auditive ist ein weites Feld und auch der Begriff der Kultur ist in seiner weiteren Fassung nahezu unbegrenzt anwendbar auf alles was Menschen überhaupt so tun. Dementsprechend breit waren auch die Themen der Vorträge auf der an der Universität Siegen abgehaltenen Konferenz „Auditive Medienkulturen – Methoden einer interdisziplinären Klangwissenschaft“ gelagert, die ich Ende letzter Woche besuchte.

Inhaltliche Quintessenz war für mich nach drei Tagen, dass noch nicht einmal die Grundzüge einer solchen neuen Wissenschaftsdisziplin namens „Klangwissenschaft“ festzustehen scheinen, dies wurde vor allem deutlich in den nicht so recht gelingen wollenden Versuchen der Abgrenzung von bereits etablierten Wissenschaftszweigen  wie bspw.  Musikwissenschaft, Kulturwissenschaft, Medienwissenschaft oder Musiksoziologie. Eigentlich stellten viele nur die Sichtweise ihrer jeweiligen Herkunftsdisziplin dar. Auch Sabine Sanio als Vertreterin der an der Berliner UdK beheimateten Sound Studies gelang es lediglich zu vermitteln, welche Ratlosigkeit bei Ihr bezüglich des eigenen „Faches“ besteht (Klingt bösartig, aber so hat sie es selbst dargestellt) und sieht sich selbst offenbar dann doch eher als Kulturwissenschaftlerin.

Für mich war ferner frappierend, das ein Großteil der Vorträge sich weder mit grundlagentheoretischen Fragen, noch Methodologie befasste und insbesondere die Rezeptionsperspektive bzw. der soziale Gebrauch von Klängen aus meiner Sicht über die Tagung hinweg viel zu kurz kam. So ging es in vielen Vorträgen dann doch nur um Werkästhetik, was mich angesichts des Kulturbegriffs im Titel der Tagung doch verwunderte. Weitere Verwunderung löste bei mir als Sozialwissenschaftler die Verwendung des Methodenbegriffs in vielen Vorträgen aus, aber das ist halt wohl die geisteswissenschaftliche Perspektive, die mir doch etwas ferner ist.

Nichtsdestotrotz waren viele Vorträge durchaus sehr anregend und die Begründung einer neuen Wissenschaftsdisziplin (so spannend die Idee ist) hatte wohl auch niemand der Beteiligten ernsthaft erwartet. Weiterhin wäre die ausgezeichnete Organisation und sehr familiäre kollegiale Stimmung zu benennen, so dass die Tagung aus meiner Sicht ein voller Erfolg war. Ich glaube dennoch das mit etwa mehr Vorbereitungszeit (die Kostenübernahme kam leider wohl erst sehr zeitnah) noch mehr hätte rausgeholt werden können, etwa, in dem man engere Fragestellungen für die einzelnen Sessions vorgegeben hätte. Aber das kann ja noch kommen, immerhin war es meines Wissens eine Premiere in Deutschland überhaupt zum Thema Audio/Klang eine eigene medienwissenschaftliche Tagung abzuhalten. Daher: großes Lob und vielen Dank an die Veranstalter!

Netterweise wurden die Vorträge und anschließenden Diskussion auf Video mitgeschnitten, so dass interessierte Leser sich nun selber einen Eindruck verschaffen können. Hier mein persönliches Best-Of der Tagung mit einem Kurzkommentar zu jedem der Vorträge versehen (Die Streams laufen über externen Quicktime oder RealPlayer):


Jens Schröter / Axel Volmar (Siegen): Vom Klang und dem Hören zu sozio-technischen Netzwerken auditiver Medienkultur als Gegenstand klangwissenschaftlicher Forschung (Einführung)

Einführung in das Thema der Tagung und ihrer Fragestellung.


Rolf Großmann (Lüneburg): Die Materialität des Klangs und die Medienpraxis der Musikkultur – ein verspäteter Gegenstand der Musikwissenschaft

Wie üblich für Rolf Großmann ein sehr überzeugender und unterhaltsamer Vortrag, der allerdings für mich persönlich keine grundlegend neuen Einsichten brachte, aber dennoch der erste Lichtblick der Tagung war. Wichtig auch der Hinweis, sich besser der Fundierung einer AUDIO-Wissenschaft zu widmen, da der Klangbegriff doch eher zwiespältig besetzt ist.


Frank Schätzlein (Hamburg): Zwischen “Rundfunkwissenschaft” und “Sound Studies” – Klang als Gegenstand medienwissenschaftlicher Hörfunkforschung

Schätzlein gab eine Übersicht über die verschiedenen Forschungsgebiete und angrenzende Wissenschaftszweige, die sich mit Klang und akustischen Phänomenen beschäftigen. Für mich etwas unverständlich war das Ausklammern der Kommunikationswissenschaft und Publizistik im Forschungsüberblick bei gleichzeitigem Einbezug solcher doch durchaus entfernterer Bereiche wie Psychoakustik. Immer noch die alten Grabenkämpfe?


Jochen Venus (Siegen): Resonanzen und Reflexionen. Zur Problematik einer Semiotik des Akustischen

Das theoretische Highlight der Tagung. Ich persönlich glaube, dass mit Hilfe der Peirceschen Semiotik tatsächlich der theoretische Grundstein einer Audiowissenschaft gelegt werden könnte und werde selber versuchen in dieser Richtung weiter zu arbeiten.


Marcus S. Kleiner (Siegen): Die Taubheit des Diskurses. Zur Gehörlosigkeit der Soziologie im Feld der Musikanalyse

Wie so oft bei Marcus natürlich eine großartige Performance, aber auch inhaltlich wurden wichtige Sollbruchstellen bisheriger soziologisch inspirierter  Forschungsanstrengungen im Bereich des Auditiven benannt, zum Teil zuweilen vielleicht ein Stückweit zu pointiert, aber das kann im Grunde nicht schaden. Ich glaube persönlich (darum auch meine Rückfrage) dass die „Cultural Studies“ in ihrer real existierenden Form in Deutschland aufgrund ihres Saussureschen semiologischen Erbes und der Überbetonung des individuellen Handelns gegenüber determinierenden Strukturen allerdings dem Ansinnen der Begründung einer soziologischen Audioforschung wenig weiterhelfen werden, mal schaun, ob Marcus dazu eine Lösung finden wird.


Jan-Philip Müller (Weimar): Die Rille schließen, das Klangobjekt identifizieren: Die Politik des Geräuschs in Pierre Schaeffers Entwurf einer Musique Concrète und Walter Murchs Sound Design für THX 1138

Inhaltlich gar nicht mal sooo aufregend, dennoch aus meiner Sicht ein wichtiger Hinweis auf die Bedeutsamkeit von Michel Chions Audiovisions-Theorie für eine zu begründende Klangwissenschaft, der nun mal implizit Peircesche Semiotik innewohnt. Außerdem toll, mal THX in besserer Qualität und im Directors Cut gesehen und gehört zu haben, selber habe ich nur eine alte monophone VHS-Aufnahme aus den 90ern.


Thomas Wilke (Halle): Dispositiv ,Diskothek‘. Historisch-ethnographische Untersuchungen zur kollektiven Musikrezeption im popkulturellen Klangraum

Hier kam endlich einmal auch ganz plastisch die soziokulturelle Rezeptionsperspektive zum Tragen, allerdings fehlte mir ein wenig der große theoretische Wurf.  Aber als Work in Progress dennoch sehr spannend.


Golo Föllmer (Halle): Klingt nach Radio. Klangästhetische Untersuchungen des Radios im programmlichen, historischen und interkulturellen Vergleich

Dieser Vortrag war sicherlich am nächsten an meinem aktuellen Forschungsthema dran: Die Schnittstelle aus Psychoakustik, Ästhetik, Sozialisationsforschung und Musikpsychologie war hier Thema. Mir blieb zunächst etwas die konkrete Fragestellung unklar, es schien mir vieles was er darstellte auf Möglichkeiten der Transkription und Abbildung von Radiobetrieb hinauszulaufen (wie auch einer der Fragenden im Publikum meinte: Reverse Engineering). Der Wert jeder sozialwissenschaftlichen Analysetechnik kann aber meiner Meinung nach nur im Hinblick auf die je zu untersuchende Fragestellung bewertet werden, nicht absolut – und hierauf bezogen blieb der Vortrag für mich zumindest beim ersten Schauen schwammig.  Nach dem nochmaligen Schauen ist mir nun klarer worum es eigentlich geht: Anmutung, Sound, Klang einer Welle – es sind alles sprachliche Metaphern für etwas was wohl eher akustische  (Marken-)Identität eines Senders meint – und Golo Föllmer versucht gewissermaßen den Konstituenten dieser Identität im Klanglichen auf die Schliche zu kommen.  Ich glaube,  auch bei diesem Forschungsthema wäre es wichtig, stärker auf die Rezipientenseite zu schauen und nicht so sehr im Produkt und dessen Machart rum zu stochern, aber genau das will er auch wohl ohnehin methodisch  zukünftig tun, wenn ich ihn richtig verstanden habe.

Kommentare

  1. Tagungsbericht von Steffen Lepa (TU Berlin) « Auditive Medienkulturen am 04.07.2010

    […] Von Axel Volmar In einer kompakten Nachlese schildert der Medien- und Kommunikationswissenschaftler Steffen Lepa (TU Berlin) seine […]

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