Im Rahmen der Sendung „Fade in/Fade out – Remixing Culture“ wurde ich kürzlich vom Berliner Radiosender „Kulturwelle“ als Teil eines Feature-Beitrags zur Remix-Kultur interviewt. Der Bezug war mein gemeinsam mit Malte Pelleter in 2007 publizierter Artikel zu ästhetischen Strategien des Samplings im Hip Hop. Ich wünsche viel Spaß beim Nachhören des Beitrags unter diesem Link!

PS: Anfang des Jahres gab es ja bereits ein Interview mit dem Deutschlandfunk zu meinem Forschungsprojekt „Survey Musik und Medien„. Aus Dokumentationsgründen verlinke ich es hier auch noch mal zum Nachhören.

27.12.2013

Zum Jahreswechsel..

von Steffen Lepa

..verweise ich auf ein nicht mehr ganz neues, aber meines Erachtens immer noch hochaktuelles Gespräch zwischen Richard David Precht und Thomas Metzinger im Schweizer Fernsehen:

YouTube Preview Image

Ich würde mir wünschen, dass wenigstens einige der in diesem Gespräch geäußerten Ideen in unser aller Zukunft im nächsten Jahr einfließen!

.. hatte ich bereits vor einiger Zeit versprochen und kann es nun endlich einlösen: Unter http://www.surveymusikundmedien.de lassen sich ab sofort vielfältige Infos zu Forschungsdesign, Projektfortschritt und ersten Ergebnisse zu der Frage „Wie hören die Deutschen heute Musik?“ abrufen. Momentan finden sich dort vor allem die quantitativen Ergebnisse der repräsentativen Bevölkerungsumfrage, diese werden aber in den kommenden Monaten sukzessive ergänzt, sobald auch Ergebnisse der Interviewstudie vorliegen. Ich wünsche viel Spaß beim Stöbern und freue mich über Feedback und konstruktive Kritik.

04.02.2013

… das waren die drei Schlagworte einer hochinteressanten medienwissenschaftlichen Tagung zum Thema „Verflechtungen“ , die in meiner Heimatstadt Braunschweig vom 31.1. bis 2.2. 2013 stattfand.

Ich möchte hier vier persönliche Highlights hervorheben, die ich teilweise mit dem N9 mitgeschnitten habe. Das war spontan, also bitte nicht zu viel Qualität erwarten, zum Verstehen sollte es aber reichen und ein Band zur Tagung ist ja ohnehin wohl bereits in Planung. Ich stell die Audiofiles aus Platzgründen hier auch nur kurzzeitig rein, als Service für einige Anwesende/Abwesende, die daran Interesse hatten, also bitte abspeichern, wer es länger behalten will.

Werner Schneider (Augsburg) stellte noch einmal den von Ihn in Zusammenarbeit mit Andrea Bührmann entwickelten Ansatz einer sozialwissenschaftlichen Dispositivanalyse vor („Dispositive… – überall (und nirgendwo)? Anmerkungen zur Theorie und methodischen Praxis der Dispositivforschung“). Ich finde diese methodologische Initiative bis heute sehr interessant und genügend offen, um an eigene Arbeiten anschlussfähig zu sein, wobei ich (mit Alex Geimer) denke, dass es Sinn macht, sich auch ein Stück mal von der Foucault-Exegese wegzubewegen und ganz forschungspragmatisch zu überlegen, wie man mit dem Konzept weiterkommt, aber das sieht Herr Schneider, glaube ich, auch so. Hier der Mitschnitt, leider nicht optimal von der Qualität

Rainer Leschke(Siegen) hielt einen genialen, teilweise amüsant polemischen Vortrag („Die erstaunliche Einsamkeit des Mediendispositivs in der Vielheit der Medien“), der nicht nur die Geschichte der Medienwissenschaften in Deutschland nachzeichnete, sondern eben auch die Karriere des Dispositivbegriffs innerhalb dieser aufzeigte. Ich kann mich seinem Plädoyer, das Dispositiv im Sinne eine Beschreibungssprache zu verwenden, um „Hermeneutik zu rationalisieren“, anstatt es zur Mystifikation im Sinne einer Metapher zu verwenden, in der Sache nur aus vollem Herzen anschließen. Ich bin mir allerdings nicht sicher, ob das von einem Großteil des Publikums auch so gesehen wurde. Hier der Mitschnitt, der mediokre Qualität hat.

Manuel Zahn (Hamburg) hielt den für mich aufregendsten Vortrag der Tagung („Das Kino als Dispositiv filmischer Bildung“), da er im Grunde in Bezug auf das Kinodispositiv mit nicht viel weniger beschäftigt zu sein scheint, als ich es auch zur Zeit in Bezug auf auditive Medien bin: Die Frage, wie man mediatisierte Kommunikation nochmal jenseits des Verstehens und der Aneignung semantischer Bedeutungen als körperlich performative Praxis der „Hingabe“, die Subjektivierungen hervorbringt neu beschreiben könnte. Dafür führt er die sehr interessante Unterscheidung von „Kraft“ vs. „Macht“ ein. Ich bin sehr gespannt, wie er diese Ideen in Zukunft weiterentwickeln wird. Hier der qualitativ am besten geratene Mitschnitt, dafür fehlt leider die erste Minute..

Malte Pelleter (Lüneburg) stellte schließlich in seinem Beitrag („Grammophon-Erziehung und Beat-Bildung. Szenen medien/musikalischer Bildungs-Phantasmen – 1900/2000“) vor, welche frappierenden Parallelen (aber auch Unterschiede!) zwischen medienpädagogischen Ideen zum Grammophon zum Beginn des 20. Jahrhunderts und der Breakbeat-Science von Kodwo Eshun bestehen. Neben dem Inhalt ist hier auch der Vortragsstil unter Verwendung zahlreicher Audio-Samples zu loben. Hier war leider mein Handy-Akku aufgebraucht (ein hoffentlich bald zu lösendes Problem der Smartphones).

Zum Schluss ein dickes Lob an die ausrichtenden Veranstalter Julius Othmer und Andreas Weich vom Studiengang Medienwissenschaften in Braunschweig, die das Ganze nicht nur logistisch super organisiert haben, eine interessante Gästezusammenstellung generiert haben, sondern auch verstanden haben, wie man die Öffentlichkeit und Sichtbarkeit für solche und ähnliche Veranstaltungen herstellen kann, die sie verdienen. Das lässt auch vieles für die frisch gegründete AG Medienkultur und Bildung der Gesellschaft für Medienwissenschaft erwarten.

28.01.2013

Drei zentrale Aspekte..

von Steffen Lepa

.. meines aktuellen Forschungsprojekts „Survey Musik und Medien“ waren der Inhalt einer Präsentation, die ich am vergangenen Donnerstag beim ZeMKI-Forschungskolloquium der der Universität Bremen auf Einladung gehalten habe. Aufgrund von Nachfragen hier nochmals das audiovisuelle Begleitmaterial zum Vortrag:

 

14.11.2012

Mein neues Forschungsprojekt „Survey Musik und Medien“ birgt einige interessante methodologische Herausforderungen, die ich hier kurz zusammenfassen möchte:

Im Kern geht es um die Frage, wie die komplexen Interaktionen von materiellen Technologien mit unterschiedlich geteilten sozialen Konstruktionen und habituellen Alltagspraktiken im Umgang mit Medientechnologien auf unterschiedlichsten Abstraktionsebenen (Mikro, Makro) sozialwissenschaftlich rekonstruiert werden können, um den langfristigen gesellschaftlichen Metaprozess der Mediatisierung des alltäglichen Musikhörens in Deutschland besser  verstehen zu können.  Im Folgenden wird es nur deswegen relativ wenig explizit um Musik selbst und weniger konkret um die damit verbundenen vielfältigen Praktiken und Erfahrungen im Alltag gehen, weil ich mich hier nur auf methodische Herausforderungen beziehen will – das ist aber nicht als für das Projekt programmatisch zu verstehen 😉

Eine gute Einführung in das  grundsätzliche Problem der Untersuchung von Mediatisierungsphänomenen unter den oben genannten Beobachtungskategorien findet sich aus meiner Sicht:

Hier und in längerer Form hier

..> Insbesondere das Kapitel „Media Matters“

Es folgen nun drei zentrale sensibilisierende Konzepte, mit denen wir uns  im Projekt den Problemen nähern möchten und von denen wir glauben, dass Sie angemessene metatheoretische und methodologische Antworten auf jene Herausfordungen darstellen:

MEDIENAFFORDANZEN

Darunter verstehe ich die Eigenschaften von materiellen Medienangeboten, die aufgrund ihrer spezifischen Form (Software und Hardware) strukturell rahmende Funktionen übernehmen: Die Form eines „Mediums“ bildet Situative Constraints – Begrenzungen oder Erweiterungen des möglichen menschlichen Handlungs- und Wahrnehmungsraums in ganz unterschiedlichen Situationen, die auch von ganz unterschiedlichen Arbeitsgruppen im DFG-Schwerpunktprogramm „Mediatisierte Welten“ untersucht werden- das mit Hilfe medialer Technologien realisierte Musikhören im Alltag ist Thema unseres Projekts. Bei Affordanzen geht es offensichtlich um ein Konzept auf der „Mikro-Ebene“. (Im aktuellen internationalen Jargon der Medien- und Kommunikationswissenschaften reden wir also zunächst hier nur von  „mediation“ und nicht „mediatization“ – Ein Konzept, welches demgegenüber im Sinne von Friedrich Krotz (2001) den langfristischen Metaprozess gesellschaftlichen Wandels, bedingt durch die soziale Aneignung von Medientechnologien versucht in den Blick zu nehmen, dazu  mehr siehe weiter unten )

Auf Besis der Ontologie und Epistemologie einer kritisch-realistischen Medienforschung (Lepa, 2010), aber auch bei Norman (1988 und später) lassen sich auf der Ebene der Mediation mindestens reale Affordanzen (Idealtypische Beschreibung, dessen was Menschen mit spezifische Dispositionen prinzipiell in der Interaktion mit dem Medium psychophysisch ermöglicht würde ) von situativ wahrgenommenen Affordanzen (situativ oder langfristig von einem spezifischen Individuum oder einer Gruppe in einem Kontext als möglich, beobachtbar und legitim angenomene „Leistungen“ bei der Interaktion mit einem Medium) unterscheiden. Zusätzlich könnte man noch von alltagspraktisch realisierten Affordanzen sprechen, um habituelle Strukturen und Muster der Mediennutzung zu beschreiben, welche dann auch das Zustandekommen von Medienrepertoires (gesellschaftsweite Muster des kombinierten Mediengebrauchs, siehe weiter unten) erklären können.

Eine gute Einführung in das zugrundeliegende metatheoretische Konzept der „Affordances“ bekommt man

hier

Wie lassen sich im Gegensatz zu „wahrgenommenen Affordanzen“, die typischerweise mit Grounded Theory ähnlichen Verfahren empirisch rekonstruiert werden, nun „alltagspraktisch realisierte Affordanzen“ empirisch rekonstruieren?

MEDIENDISPOSITIVE

Unter Mediendispositiven verstehe ich gemeinsam mit Alexander Geimer (2011) idealtypische, subjektüberschreitende Situationsbeschreibungen des Umgangs mit spezifischen Medienangeboten auf Basis empirischer Situationsrekonstruktionen aus narrativen Beschreibungen (z. B. Interviewstudien, Gruppendiskussionen, Beobachtungsstudien)  von typischen Handlungen, Erfahrungen, wahrgenommenen Affordanzen, sowie diskursiven „Geboten“ und „Verboten“ bei der persönlichen Angebotsnutzung (im Projekt: Bei der Nutzung von Technologien zum Musikhören).Eine gute (allerdings zunächst rein theoretische) Einführung in das Nachdenken über Mediendispositive in einem ähnlichen Sinne, wie wir sie verstehen, bietet:

Melita Zajc

Wir erhoffen uns, dass jene empirisch gewonnenen Beschreibungen uns Spuren und Verweise auf  mediale Dispositivstrukturen „mittlerer Reichweite“  liefern,  hier lehenen wir uns teilweise an  Bührmann und Schneiders (2008) Dispositivkonzept an, von dem wir einige Ideen übernehmen und auf das Problem mediatisierter Alltagspraxis (im Projekt: alltägliches Musikhören mit Medien) zu beziehen versuchen. Dies bedingt eineseits zunächst die Zuschreibungen der „Leistungen“ von Medienangeboten im Sinne von diskursivem Wissen zu rekonstruieren, also „wahrgenommene Affordanzen“ zu rekonstruieren. Im Sinne der Dispositivvorstellung vermuten wir aber ferner auch, dass sich in Mustern des habituellen Gebrauch von spezifischen Medien ein Hinweis auf besonders ausgeprägte „Subjektivierungsgelegenheiten“  verbirgt, dass sich in der gewählten Nutzungsweise also ein besonderes Enaktierungspotential für einen spezifischen Habitus dokumentiert. Insofern versuchen wir methodisch, alltagspraktisch realisierte Affordanzen, also alltagpraktisch „verankertes“ Wissen von rein diskursiven Zuschreibungen zu scheiden.

Mediendispositive bilden im Projekt damit gewissermaßen eine Brücke zwischen Mediations- und Mediatisierungsproblematik. Anderereits spielen sie im Projekt aber nur eine  methodisch-instrumentelle Rolle: Es kommt uns bei „Survey Musik und Medien“ gerade nicht darauf an, jene Situationen als Selbstzweck  zu beschreiben oder zu generalisieren – es geht uns nicht darum, die Apparatustheorien der 1970er Jahre wieder aufleben zu lassen. Dies würde auch gar keinen Sinn machen, da die Gesschwindigkeit der Medienentwicklung seit der Digitalisierung ohnehin ständig neue potentielle Dispositive aus Hardware, Software und möglichem praktischen Umgang damit herbringt. Wir hoffen vielmehr, dass sich „in Situ“ wohlmöglich a) die wahrgenommenen Affordanzen aus Sicht der Vertreter unterschiedlicher Milieus und b) der alltagspraktische Sinn verschiedener Formen der Interaktionen mit Medien im Sinne eines habituellen Umgangs  besser rekonstruieren lässt. Das heißt: Die Situationsrekonstruktionen sollen uns im Sinne des Anliegens des DFG-Schwerpunktprogramms metatheoretische Aufschlüsse auf Grundprinzipien der Mediation (Affordanzproblematik – die Mikroebene des Medienhandlens –> „was kann wem welche Medientechnologie ermöglichen?“)  einerseits und den Prozess der Mediatisierung (langfristischer gesellschaftlicher Wandel habituellen Medienumgangs –> „welche Formen des Medienhandelns setzen sich bei wem durch?“) andererseits liefern -. In gewisser Hinsicht nutzen wir die Situation also lediglich als Verweis auf situationsübergreifende Prinzipien.  Für die letztgenannte Frage – die nach dem Blick auf die zeitliche und soziale Extension der bislang nur intensiv betrachteten Phänome bedarf es jedoch schließlich noch eines weiteren Konzepts:

MEDIENREPERTOIRES

Dieses Konzept von Uwe Hasebrink (2008) wird im Projekt „Survey Musik und Medien“ schließlich verwendet, um den Mediatisierungsprozess auf der Makro-Ebene als Verdichtung bestimmter milieuspezifischer Formationen des „kombinierten Medienumgangs“ (Muster der kombinierten Nutzung unterschiedlicher Technologien des Musikhörens – jetzt im Sinne von „Techné„) in Gesellschaften und Kohorten empirisch repräsentativ beobachten und deren probabilistische Voraussetzungen systematisch erklären zu können. Dabei geht es um genau jene Formationen,  die wir parallel versucht haben auf Mikro-Ebene, gewissermaßen als „Mediennutzer-Milieus“ tiefer zu verstehen. Insbesondere von der Triangulation der Ergebnnisse einer Latenten Klassenanalyse (LCA) (bzw. latenten Profilanalyse / Mixture Model) der Daten einer deutschlandweiten Survey-Umfrage zum musikbezogenen Medienhandeln mit Ergebnissen einer biographischen Interviewstudie mit prototypischen VertreterInnen der ermittelten Repertoires erhoffen wir uns, ein zentrales methodisches Problem von repräsentativen Querschnittstudien zumindest teilweise relativieren zu können, nämlich Alters- von Kohorteneffekten unterscheiden zu können. Desweiteren lassen sich aber auch Einflüsse sozialer Positionsvariablen auf die Mediennutzung sowohl statistisch korrelativ belegen, als wohlmöglich auch durch die Ergebnisse der Mediendispositivanalyse mit dichten Beschreibungen der zugrundeliegenden Mechanismen anreichern und so in Bezug auf Genese und Beharrlichkeit verstehen- Auf diesem Weg der Verknüpfung von Mikro-analytischen Betrachtung der Mediation des Alltagshandelns und der Makro-Betrachtung des generationalen Wandels und der sozialen Ungleichheiten im Hinblick auf den gesamtgesellschaftlichen Mediatisierungsprozess können wir dann schließlich hoffentlich ein wenig besser verstehen und erklären, „wohin die Reise“ der Mediatisierung in Bezug auf das alltägliche Musikhören zur Zeit in Deutschland hinzugehen scheint (ohne damit einen Anspruch auf Prädiktion erheben zu wollen).

Eine Einführung zum Konzept der Medienrepertoires findet sich hier.

09.03.2012

.. möchte auch ich hier in meinem Blog den famosen Text „Wir, die Netzkinder“ des polnischen Dichters Piotr Czerski verlinken, der inzwischen als heimliches Manifest der Internet-Generation gilt. Besonders in den letzten drei Monaten mehren sich meines Empfindens die Zeichen, das Politik und Gesellschaft inzwischen nicht mehr an dem dort referenzierten „Wir“ vorbeikommen und vielleicht könnte daraus ja so etwas wie ein „europäischer Frühling der direkten Demokratie“ im Schatten der Finanz- bzw. Bankenkrise werden… Naja, man wird ja wohl noch mal träumen dürfen!

01.02.2012

Und nun ist sie endlich auch in Deutschland angekommen, die politische Debatte über die Regulierung des Netzes und die gesellschaftlichen Folgen von „Web 2.0“:

CDU-Politiker Ansgar Heveling: „Netzgemeinde, Ihr werdet den Kampf verlieren!“

Frank Rieger (CCC): „Kulturkampf? Könnt Ihr haben!“

Einzig verschlafen haben bislang  wieder mal unsere öffentlich-rechtlichen Fernsehsender diese wichtige Debatte . Aber bis Ende der Woche wird das noch, denke ich…

 

 

Update:

Das Handelsblatt selbst veröffentlicht Repliken von Dorothee Bär (CSU) und Lawrence Lessig.

Ansonsten gibt es bereits unzählige Blogeinträge dazu, googeln Sie einfach nach „Heveling“.

Ich bin in der letzten Zeit sehr mit einigen Tagungen und Artikeln beschäftigt gewesen, so dass ich länger nicht mehr zum bloggen kam. Daher hier nun ein paar Updates über die Aktivitäten der letzten Zeit, angereichert mit  Gedanken zum Tages- und Weltgeschehen:

Anfang Juni hatte ich zunächst die Ehre, meine erste „Invited Keynote“ zu halten, dies überdies auf Englisch: Auf der „DAAD Summer School for German Studies“ im schönen (aber kalten) Edinburgh, die sich dem Thema der „Stimmungen“ verschrieben hatte, hielt ich einen Vortrag zum Thema „Attuning with the Artwork – Theodor Lipps‘ Concept of Aesthetische Einfühlung and the Case of Mediatized Music“. Im Wesentlichen ging es mir im Vortrag darum aufzuzeigen, wie aktuell heute noch die Ideen der sogenannten „Einfühlungspsychologie“ in Tradition Theodor Lipps sind und wie sie mir insbesondere beim Verständnis der ästhetischen Erfahrungen beim (medialen) Musikhören helfen konnten. Die Tagung hatte ansonsten ein buntes und interessantes Programm mit sowohl historischen als auch zeitgenössischen Themen, die alle um Stimmungen, Atmosphären und Affekt kreisten, es waren auch ein paar andere Kollegen aus dem Exzellenzcluster dort, mit denen man sich kurzweilig die Zeit bei den „Socials“ in diversen Pubs vertreiben konnte. Außerdem lieh ich mir auch ein Fahrrad und erkundete ein wenig die umliegenden Highlands und den UK-Linksverkehr. Da es leider keinen Tagungsband gibt, hoffe ich auf die Gelegenheit, den Vortrag noch in überarbeiteter Form irgendwo in Zukunft publizieren zu können. Der bei der Vorbereitung vorgenommene Streifzug in die Frühzeit der Sozialwissenschaften und Psychologie war für mich hochinteressant, sehr hilfreich waren dabei insbesondere die digitalen Archive des Max-Planck-Instituts für Wissenschaftsgeschichte und natürlich vom Internet Archive.

Der Sommer war dieses Jahr im Hinblick auf das Wetter leider sehr enttäuschend. Ich hatte mir viele Fahrradtouren durch Brandenburg, Mecklenburg-Vorpommern, Südschweden und Polen vorgenommen, konnte aber aufgrund von Kälte und Regenfällen leider nur einen Bruchteil davon realisieren, auch einige geplante Musik Open Air Festivals habe ich daher nicht besucht. Nichtsdestotrotz gelang mir dennoch, mich gut zu erholen und im Anschluss die Planung der Experimente für meine aktuelle Studie voran zu treiben und zwei weitere Vorträge vorzubereiten.

Dies waren einerseits eine Vorstellung und wissenschaftstheoretische Einordnung des in meiner Dissertation entwickelten Verfahrens der Postrezeptiven Lesartenanalyse (PLA) auf der Jahrestagung der Fachgruppe „Methoden“ der DGPUK, die unter dem (für mich sehr passenden) Motto „Standardisierung und Flexibilisierung“ stand. Sehr interessant fand ich den ebenfalls dort vorgestellten Mixed Methods Ansatz von Eva Baumann. Vielleicht wird sich in naher Zukunft gar ein Trend der Einsicht abzeichnen, dass bestimmte Grundprobleme der Medienrezeptionsforschung weder ausschließlich qualitativ noch quantitativ befriedigend angegangen werden können? Man wird sehen.. Als weiteren wichtigen und guten Beitrag dieser Konferenz möchte ich noch den Vortrag von Christoph Klimmt und Alexanda Sowka hervorheben, in dem pointiert auf viele bestehende  Probleme bei der Operationalisiserung von Medienkompetenz eingegangen wurde.

Mein zweiter Vortrag fand vergangene Woche im Rahmen der GfM-Jahrestagung zum Thema „Dysfunktionalitäten“ statt. Es ging mir darum aufzuzeigen, wie die realistische Wahrnehmungsökologie James J. Gibsons dabei helfen kann, Medientheorie und Psychoakustik so zu verbinden, dass sich Probleme beim Verstehen der Phänomenologie alltäglichen Musikhörens konstruktiv angehen lassen, es war gewissermaßen eine Weiterführung meines Artikels im demnächst bei Transcript erscheinenden Bands „Auditive Medienkulturen“ (herausgegeben von Axel Volmar und Jens Schröter). Es wäre zu viel verlangt, alle interessante Vorträge der vergangenen 4 Tage hier zusammenzufassen, daher möchte ich nur ein paar wichtige genannt haben: Zunächst natürlich die Keynote von Rick Altman über „alten Wein in neuen Schläuchen“, der anhand der Vermarktung von Ton-Bild-Synchronisationstechnik und Mikrofonen das (nicht immer einfach) Zusammenspiel zwischen „Ingenieursdenke“, Marketing und Alltagspraxis der Nutzer aufzeigte. Weiterhin zu nennen wäre der Vortrag von Marcus S. Kleiner über die Dialektik von Subversion und Kommerz in der Populärkultur, sowie des „Clusterkollegen“ Julian Hanichs Beitrag zu Ärger, Scham und Ekel bei der Kinoerfahrung. Das Panel der AG „Akustische Medien“ (demnächst vielleicht unter neuem, die Medienentwicklung reflektierenden Namen) brachte schließlich erwartungsgemäß die für mich spannendsten Vorträge. Zu nennen wäre hier insbesondere die Beiträge von Thomas Wilke („Scratch that! Vom störenden Geräusch zur komplexen Performance“) und Carla Müller-Schulzke („Störgeräusche an den Rändern des urbanen Raumes“).

Zwei aktuelle Phänomene im politischen Geschehen der letzten Zeit bedürfen schließlich auch noch eines Kommentars: Einerseits ist dies der Aufstieg der Piratenpartei in die bundesdeutsche mediale Aufmerksamkeitsökonomie durch ihren Achtungserfolg bei den Wahlen zum Berliner Abgeordnetenhaus. Ich kann diesen nur begrüßen, allein schon weil Wahlanalysen zeigen, dass diese Partei als einzige scheinbar etwas gegen Politikverdrossenheit in dieser Republik zu unternehmen in der Lage ist. Zudem freue ich mich natürlich auch, selbst in dem Wahlkreis zu leben, in dem die Piraten ihr mit ca. 23% ihr zweitstärkstes Ergebnis in Berlin eingefahren haben. Ob die Piraten als Partei tatsächlich einen neuen Politikstil befördern werden oder schnell der unseligen „Vergrünung“ anheim fallen, bleibt noch abzuwarten. Es steht aber fest, dass sie schon jetzt ihr wichtigstes Ziel erreicht haben: Weder Politik noch Medien kommen in Zukunft um die öffentliche Verhandlung zentraler Fragen von Transparenz, Direkter Demokratie, Netzpolitik und Bürgerrechte noch herum. Da sich bislang KEINE Partei (und am wenigsten die vielleicht „usrprünglich zuständige“ FDP) damit ernsthaft befasst hat, ist dies ein schöner Erfolg. Wir werden in den nächsten Wochen und Monaten dadurch viele Interessante Entwicklungen erleben, wie sich jetzt schon durch den Bundestrojaner-Hack-Scoop abzeichnet, dem (ausgerechnet) das Sturmgeschütz des Konservativismus ein prominentes Forum bietet. Allerdings erfindet sich ja das konservative Lager zur Zeit eh neu, wie schon an Schirrmachers überraschenden Äußerungen zur Finanzkrise der letzten Zeit ersichtlich wurde.

Anonsten ist noch der Erfinder der weißen Computer mit abgebissenen Äpfeln drauf verstorben. Für mich eine Figur wie Thomas Alvar Edison, der deren Schicksal teilt, für die falschen Dinge verehrt und geheiligt zu werden. Der einzig gute Nachruf fand sich dieser Tage im ehemaligen Nachrichtenmagazin. Ich ahne schon, dass die Verklärungen in Zukunft noch zunehmen werden, etwa wird man vermutlich bei der Vorstellung jedes neuen iPhone-Modells Fragen danach lesen müssen, ob dies „unter Steve“ auch so gelaufen wäre, etc. pp.  Auch hier gilt aber natürlich der alte Spruch des Zen-Meisters: Man wird sehen…

05.05.2011

..wird hier in pointierter Sicht von Guenther Dueck bei einem Vortrag auf der re:publica XI dargestellt:

Natürlich mit sehr vielen Vereinfachungen und Überzeichnungen – aber ich denke ein paar der angeführten Punkte sind durchaus diskussionswert. Problematisch finde ich auch (liebe Leser aus dem Bereich Erziehungswissenschaften/Medienpädagogik) übrigens weniger die Darstellung der real-existierenden Schule / Pädagogik und deren Menschenbilder, sondern eher dass er vergisst zu erwähnen, dass seine Bildungsideen nun wahrlich weder von ihm erfunden, noch im pädagogischen Diskurs unbekannt sind. Aber als Plädoyer und in der Verknüpfung mit der medientheoretischen Vision und dem Vortragswitz schon ein guter „Aufwecker“ für die ewig Gestrigen.

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