Ich bin in der letzten Zeit sehr mit einigen Tagungen und Artikeln beschäftigt gewesen, so dass ich länger nicht mehr zum bloggen kam. Daher hier nun ein paar Updates über die Aktivitäten der letzten Zeit, angereichert mit  Gedanken zum Tages- und Weltgeschehen:

Anfang Juni hatte ich zunächst die Ehre, meine erste „Invited Keynote“ zu halten, dies überdies auf Englisch: Auf der „DAAD Summer School for German Studies“ im schönen (aber kalten) Edinburgh, die sich dem Thema der „Stimmungen“ verschrieben hatte, hielt ich einen Vortrag zum Thema „Attuning with the Artwork – Theodor Lipps‘ Concept of Aesthetische Einfühlung and the Case of Mediatized Music“. Im Wesentlichen ging es mir im Vortrag darum aufzuzeigen, wie aktuell heute noch die Ideen der sogenannten „Einfühlungspsychologie“ in Tradition Theodor Lipps sind und wie sie mir insbesondere beim Verständnis der ästhetischen Erfahrungen beim (medialen) Musikhören helfen konnten. Die Tagung hatte ansonsten ein buntes und interessantes Programm mit sowohl historischen als auch zeitgenössischen Themen, die alle um Stimmungen, Atmosphären und Affekt kreisten, es waren auch ein paar andere Kollegen aus dem Exzellenzcluster dort, mit denen man sich kurzweilig die Zeit bei den „Socials“ in diversen Pubs vertreiben konnte. Außerdem lieh ich mir auch ein Fahrrad und erkundete ein wenig die umliegenden Highlands und den UK-Linksverkehr. Da es leider keinen Tagungsband gibt, hoffe ich auf die Gelegenheit, den Vortrag noch in überarbeiteter Form irgendwo in Zukunft publizieren zu können. Der bei der Vorbereitung vorgenommene Streifzug in die Frühzeit der Sozialwissenschaften und Psychologie war für mich hochinteressant, sehr hilfreich waren dabei insbesondere die digitalen Archive des Max-Planck-Instituts für Wissenschaftsgeschichte und natürlich vom Internet Archive.

Der Sommer war dieses Jahr im Hinblick auf das Wetter leider sehr enttäuschend. Ich hatte mir viele Fahrradtouren durch Brandenburg, Mecklenburg-Vorpommern, Südschweden und Polen vorgenommen, konnte aber aufgrund von Kälte und Regenfällen leider nur einen Bruchteil davon realisieren, auch einige geplante Musik Open Air Festivals habe ich daher nicht besucht. Nichtsdestotrotz gelang mir dennoch, mich gut zu erholen und im Anschluss die Planung der Experimente für meine aktuelle Studie voran zu treiben und zwei weitere Vorträge vorzubereiten.

Dies waren einerseits eine Vorstellung und wissenschaftstheoretische Einordnung des in meiner Dissertation entwickelten Verfahrens der Postrezeptiven Lesartenanalyse (PLA) auf der Jahrestagung der Fachgruppe „Methoden“ der DGPUK, die unter dem (für mich sehr passenden) Motto „Standardisierung und Flexibilisierung“ stand. Sehr interessant fand ich den ebenfalls dort vorgestellten Mixed Methods Ansatz von Eva Baumann. Vielleicht wird sich in naher Zukunft gar ein Trend der Einsicht abzeichnen, dass bestimmte Grundprobleme der Medienrezeptionsforschung weder ausschließlich qualitativ noch quantitativ befriedigend angegangen werden können? Man wird sehen.. Als weiteren wichtigen und guten Beitrag dieser Konferenz möchte ich noch den Vortrag von Christoph Klimmt und Alexanda Sowka hervorheben, in dem pointiert auf viele bestehende  Probleme bei der Operationalisiserung von Medienkompetenz eingegangen wurde.

Mein zweiter Vortrag fand vergangene Woche im Rahmen der GfM-Jahrestagung zum Thema „Dysfunktionalitäten“ statt. Es ging mir darum aufzuzeigen, wie die realistische Wahrnehmungsökologie James J. Gibsons dabei helfen kann, Medientheorie und Psychoakustik so zu verbinden, dass sich Probleme beim Verstehen der Phänomenologie alltäglichen Musikhörens konstruktiv angehen lassen, es war gewissermaßen eine Weiterführung meines Artikels im demnächst bei Transcript erscheinenden Bands „Auditive Medienkulturen“ (herausgegeben von Axel Volmar und Jens Schröter). Es wäre zu viel verlangt, alle interessante Vorträge der vergangenen 4 Tage hier zusammenzufassen, daher möchte ich nur ein paar wichtige genannt haben: Zunächst natürlich die Keynote von Rick Altman über „alten Wein in neuen Schläuchen“, der anhand der Vermarktung von Ton-Bild-Synchronisationstechnik und Mikrofonen das (nicht immer einfach) Zusammenspiel zwischen „Ingenieursdenke“, Marketing und Alltagspraxis der Nutzer aufzeigte. Weiterhin zu nennen wäre der Vortrag von Marcus S. Kleiner über die Dialektik von Subversion und Kommerz in der Populärkultur, sowie des „Clusterkollegen“ Julian Hanichs Beitrag zu Ärger, Scham und Ekel bei der Kinoerfahrung. Das Panel der AG „Akustische Medien“ (demnächst vielleicht unter neuem, die Medienentwicklung reflektierenden Namen) brachte schließlich erwartungsgemäß die für mich spannendsten Vorträge. Zu nennen wäre hier insbesondere die Beiträge von Thomas Wilke („Scratch that! Vom störenden Geräusch zur komplexen Performance“) und Carla Müller-Schulzke („Störgeräusche an den Rändern des urbanen Raumes“).

Zwei aktuelle Phänomene im politischen Geschehen der letzten Zeit bedürfen schließlich auch noch eines Kommentars: Einerseits ist dies der Aufstieg der Piratenpartei in die bundesdeutsche mediale Aufmerksamkeitsökonomie durch ihren Achtungserfolg bei den Wahlen zum Berliner Abgeordnetenhaus. Ich kann diesen nur begrüßen, allein schon weil Wahlanalysen zeigen, dass diese Partei als einzige scheinbar etwas gegen Politikverdrossenheit in dieser Republik zu unternehmen in der Lage ist. Zudem freue ich mich natürlich auch, selbst in dem Wahlkreis zu leben, in dem die Piraten ihr mit ca. 23% ihr zweitstärkstes Ergebnis in Berlin eingefahren haben. Ob die Piraten als Partei tatsächlich einen neuen Politikstil befördern werden oder schnell der unseligen „Vergrünung“ anheim fallen, bleibt noch abzuwarten. Es steht aber fest, dass sie schon jetzt ihr wichtigstes Ziel erreicht haben: Weder Politik noch Medien kommen in Zukunft um die öffentliche Verhandlung zentraler Fragen von Transparenz, Direkter Demokratie, Netzpolitik und Bürgerrechte noch herum. Da sich bislang KEINE Partei (und am wenigsten die vielleicht „usrprünglich zuständige“ FDP) damit ernsthaft befasst hat, ist dies ein schöner Erfolg. Wir werden in den nächsten Wochen und Monaten dadurch viele Interessante Entwicklungen erleben, wie sich jetzt schon durch den Bundestrojaner-Hack-Scoop abzeichnet, dem (ausgerechnet) das Sturmgeschütz des Konservativismus ein prominentes Forum bietet. Allerdings erfindet sich ja das konservative Lager zur Zeit eh neu, wie schon an Schirrmachers überraschenden Äußerungen zur Finanzkrise der letzten Zeit ersichtlich wurde.

Anonsten ist noch der Erfinder der weißen Computer mit abgebissenen Äpfeln drauf verstorben. Für mich eine Figur wie Thomas Alvar Edison, der deren Schicksal teilt, für die falschen Dinge verehrt und geheiligt zu werden. Der einzig gute Nachruf fand sich dieser Tage im ehemaligen Nachrichtenmagazin. Ich ahne schon, dass die Verklärungen in Zukunft noch zunehmen werden, etwa wird man vermutlich bei der Vorstellung jedes neuen iPhone-Modells Fragen danach lesen müssen, ob dies „unter Steve“ auch so gelaufen wäre, etc. pp.  Auch hier gilt aber natürlich der alte Spruch des Zen-Meisters: Man wird sehen…

10.09.2011

Das Schweizer Fernsehen hat kürzlich ein spannendes Interview mit Douglas Coupland („Generation X“) geführt, unter anderem geht es auch um seine kürzlich erschienene McLuhan-Biographie:

Sternstunde Philosophie vom 04.09.2011

24.07.2011

… könnte ich hier lang und breit erklären, aber viel besser macht das doch Richard Stallman, maßgeblicher Mitentwickler von GNU/Linux. Und seinen reflektierten Ausführungen zum Thema bei Telepolis ist wenig hinzuzufügen.

Denn: Das Medium ist die Botschaft, und wer meint, solch eine Technologie wäre „neutral“, läuft mit Nachtwandlermentalität durch die Welt. Siehe hierzu auch den famosen Artikel von Martin Baltes zu Marshall McLuhan’s 100. Geburtstag, ebenfalls bei Telepolis.

Wer sich nicht länger für dumm verkaufen lassen und bspw. einer automatisierten Rasterfahndung unterziehen möchte, sei darauf hingewiesen, dass es nonkommerzielle Alternativen zu Twitter und Facebook gibt. Einerseits den Microblogging-Dienst identi.ca, andererseits das Social Network Diaspora. Und wenn jetzt noch genügend Leute diese Alternativen wählen, kommen wir vielleicht um eine „gewählte Diktatur“ im Netz herum…

05.05.2011

..wird hier in pointierter Sicht von Guenther Dueck bei einem Vortrag auf der re:publica XI dargestellt:

Natürlich mit sehr vielen Vereinfachungen und Überzeichnungen – aber ich denke ein paar der angeführten Punkte sind durchaus diskussionswert. Problematisch finde ich auch (liebe Leser aus dem Bereich Erziehungswissenschaften/Medienpädagogik) übrigens weniger die Darstellung der real-existierenden Schule / Pädagogik und deren Menschenbilder, sondern eher dass er vergisst zu erwähnen, dass seine Bildungsideen nun wahrlich weder von ihm erfunden, noch im pädagogischen Diskurs unbekannt sind. Aber als Plädoyer und in der Verknüpfung mit der medientheoretischen Vision und dem Vortragswitz schon ein guter „Aufwecker“ für die ewig Gestrigen.

Emmanuel Goldstein ist nun angeblich tot. Zeit also, inne zu halten und sich die Frage zu stellen, ob sich nun der ganze Rummel um ihn für irgendjemanden auch nur ansatzweise ausgezahlt hat.  Beim darüber nachdenken fallen mir nicht viele Menschen ein, für die es sich wirklich nachhaltig im positiven Sinne gelohnt hätte, selbst was diejenigen angeht, die das wohl mal eine Weile dachten. Also lassen wir so einen flachen dümmlichen todbringenden Quatsch in Zukunft besser lieber sein – und freuen uns, dass „die Leute“ ™  vielleicht doch ein wenig schlauer sind.  Naja, vielleicht war auch der große Bruder zu dämlich. Man weiß es nicht. Abwarten und Tee trinken. Ich hoffe jedenfalls das Beste für die Zukunft.

Whatever, es gilt noch zwei wissenschaftliche Tagungen nach zu besprechen, darauf hat mich Alex vorgestern beim Kreuzberger MyFest, wo ich mich ob des schlechten Wetter leider erneut erkältet habe, zu Recht hingewiesen.

Nun also: In Zagreb fand Anfang April die Tagung „New challenges and methodological innovations in European media audience research„, finanziert durch die EU COST Action IS0906 statt. Im von den Temperaturen her geradezu frühsommerlichen Kroatien trafen sich bei blendendem Wetter über 300 Profi- und Nachwuchswissenschaftler aus den Medien- und Kommunikationswissenschaften um bei gutem Essen und günstigem Bier und Wein entlang von mehr als 60 englischsprachigen Vorträgen verteilt über mehr als 20 Panels (in der Regel 2-3 parallel)  über die Herausforderungen der Rezeptionsforschung im 21. Jahrhundert zu diskutieren, die kollektiv insbesondere entlang der Achsen bzw. Schlagworte  Mobilität, Crossmedialität und Medienkonvergenz gesehen wurden. Die Qualität der Beiträge war, wie so oft bei internationalen Tagungen, sehr heterogen.  Sternstunden waren für mich insbesondere die Beiträge von ex-ICA-Präsidentin Sonia Livingstone zu Problemen bei der Implementation von Medienkompetenzförderprogrammen und Klaus Bruhn Jensen über seine Theorie des Three-Step-Flows der Medienkommunikation. Methodisch ansprechend fand ich ferner den Vortrag von Cedric Courtois und Peter Mechant (Ghent) über Möglichkeiten, Web 2.0 APIs zur Unterstützung von Social Media Forschung einzusetzen und dies mit Strukturgleichungs- und Wachstumskurvenmodellierung zu verknüpfen. Ebenfalls sehr Interessant und mit ähnlichen Impetus wie der Vortrag, den Alex Geimer und ich über unseren Ansatz einer sozialwissenschaftlichen Mediendispositivanalyse hielten, war die Keynote von Uwe Hasebrink vom Hans-Bredow-Institut über Medienrepertoire-Analysen und der Vortrag von seiner Frau Ingrid Paus-Hasebrink (Uni Salzburg) über ihr Projekt zur Nutzung von Medienangeboten innerhalb von Familien. Richtig negativ ist mir eigentlich nichts auf der Tagung aufgefallen, außer vielleicht das manche Kollegen das enge Zeitbudget zu strecken versuchten, in dem sie wirklich wasserfallartig sprachen (und ich meine wirklich zu schnell!). Die Betreuung, Verköstigung und Gastfreundschaft waren jedenfalls super und ich hoffe, dass es noch den angekündigten Tagungsband geben wird. Die sich quer über die ganze Tagung ziehenden Schlüsselthemen waren für mich Medienkompetenz und Medienrepertoires, sicher nicht ganz unbeeinflusst durch persönliche Vorlieben.

Unter gänzlich anderen Vorzeichen und insbesondere anderen Witterungsbedingungen fand in Bremen die internationale Tagung „Mediatized Worlds“  als Auftakt des DFG-Schwerpunktprogramms „Mediatisierte Welten“ unter Leitung des renommierten Bremer Kommunikationswissenschaftlers Friedrich Krotz statt. Diese war etwas kleiner (130 WissenschaftlerInnen) und,  (bei dem Thema kaum verwunderlich) viel stärker soziologisch geprägt als Zagreb und durch deutsche, englische und skandinavische ForscherInnen dominiert. Ich selbst stellte dort meinen Ansatz zur Mixed-Method-Medienrepertoire-Analyse in Bezug auf die Nutzung technischer Musikabspielmedien vor, der im Panel zu „Mediatized Art and Music“ verortet worden war. Highlights der Tagung waren für mich die Vorträge von Jan H. Passoth (Bielefeld) zum „Quantifizierten Zuhörer“, sowie die Keynote von Stig Hjarvard, in der er versuchte, theoretische und methodologische Brücken zwischen dem auf der Tagung theoretisch diskutierten Makroprozess (Mediatisierung) und empirisch untersuchten Mikroprozessen (Mediation) zu schlagen, und letztere vor allem mit James J. Gibson Affordanztheorie zu verstehen suchte (auf die ich mich in einem aktuellen Paper auch beziehe). Außerdem beachtlich war der Vortrag von Wolfgang Reißmann zum Gebrauch von Fotos in Social Networks durch Jugendliche. Leider war ich schon am ersten Tag (auch während meines Vortrags) sehr stark erkältet (wohl noch eine Folge des Klimawechsels, zwischen Zagreb und Bremen lagen nur wenige Tage), so dass ich mich entschloss, das frühmorgendliche Panel am zweiten Tag auszusparen, so dass mir der Vortrag von Ulrike Wagner (jff) über das Informationsverhalten Jugendlicher entging. Sehr spannend waren jedoch die Vorträge von Corinna Peil zum Domestication Approach und Michael S. Daubs zum inhärenten ideologischen  Paradoxon der Piratenpartei. Alles in allem waren die Vorträge im Vergleich zu Zagreb hier in Bremen  größtenteils inhaltlich deutlich anspruchsvoller – allerding scheint mir ein grundlegendes Problem der empirisch ausgerichteten Projekte darin zu liegen, den Meta-Prozess „Mediatisierung“, wie Krotz ihn fasst, mit Mikrophänomenen der Mediation, wie die dominierend eingesetzten qualitativ-interpretativen Forschungsmethoden sie herausarbeiten, schlüssig zu verknüpfen. Dies scheint mir ein Wiederaufflackern alter Probleme von Handeln und Strukturen zu sein, die ja in der Soziologie nix Neues sind, aber ich hätte mir schon irgendwie eine Bemerkung oder einen Kommentar  dazu gewünscht, ob denn sowas wie ein „Badewannenmodell der Mediatisierung“ theoretisch angedacht ist. Mein Vortrag schlug letztlich auch in diese methodologische Bresche (wenn auch auf andere Weise)  und wurde, so weit ich das beurteilen kann, recht positiv aufgenommen.

Soweit also zu den letzten Highlights aus der Welt der Tagungen – nun begann vor kurzem in Berlin das Sommersemester und ich bin recht stark durch mein aktuelles Seminar zur empirischen Rezeptionsforschung eingespannt. Nichtsdestotrotz macht es auch durchaus viel Spaß mal wieder zu lehren und interessante inhaltliche Anregungen und neugierige Fragen von Studierenden zu bekommen.

.. zeigt eindrucksvoll ein ZEIT-Artikel incl. interaktivem PlugIn auf Basis der Handydaten des Grünen-Politikers Malte Spitz. Auf Basis dieser Problematik (Bewegungsprofile) wurde das Gesetz ja letztlich auch vom Bundesverfassungsgericht zu Recht gekippt.

.. war ja schon länger zu beobachten. Aber die „Causa Guttenberg“ schlägt dem Fass wirklich den Boden aus. Es ist für mich und viele Fachkollegen unfassbar, mit welcher Kaltschnäuzigkeit Kanzlerin, Wissenschaftsministerin und der Rest der Regierung das als juristische Doktorarbeit bezeichnete Plagiat des jetzigen Bundesverteidigungsministers versuchen als Bagatelle abzutun, den Vorgang als lässliche Jugendsünde oder als Kavaliersdelikt zu verteidigen. „Haben wir nicht alle einmal geschummelt?“ – So wird argumentiert. Vielleicht haben manche das – aber wenn sie erwischt wurden, haben sie dennoch die Konsequenzen getragen und sich dazu bekannt (Zu der Tat, nicht zum „Hochmut“). Außerdem geht es hier nicht um kleines Schummeln, sondern um das massive absichtsvolle Ausbeuten fremder geistiger Leistungen anderer, weil es an den eigenen oder dem Willen, diese durch wissenschaftlichen  Einsatz zu erbringen, offensichtlich mangelt. Es ist empörend, wie hier öffentlich nicht nur durch die BILD, sondern durch zahlreiche öffentiche Amtsträger mit zweierlei Maß gemessen wird, „Double Standards“ scheinen in dieser Republik für adlige Minister, Transatlantiker und Lieblingskinder der Bild-Zeitung zu gelten. Dies hat mich auch bewogen, vorgestern einen Brief an den Bundespräsidenten mit der Bitte um Stellungnahme zu schreiben, der aufgrund seiner faktischen relativen politischen Machtlosigkeit ja häufig als überparteiliche, moralische Instanz bezeichnet wird und sich zudem offensiv als gläubiger Christ versteht. Wenn es schon die Kanzlerin aus Opportunismus nicht vermag, sollte nicht wenigstens unser Staatsoberhaupt Stellung zu dieser Sache nehmen, bevor international bekannt wird, dass sich wohlhabende Menschen an bayerischen Universitäten Doktortitel erschleichen können, ohne das dass dies irgendwelche Konsequenzen hat? Wenn es auch die Uni Bayreuth nicht wagt,  die absichtliche Täuschung als solche zu benennen? (Die finanziellen Zuwendungen der Familie Guttenberg an die Uni Bayreuth sind ja längst öffentlich):

Mit mir empören sich:

über 60 Wissenschaftler der LMU München

der Medienwissenschafler Lutz Hachmeister (der übrigens dem Fluter neulich ein sehr lesenswertes Interview gab)

ein ehemaliger Professor der Bundeswehr-Universität Hamburg

Ueber 100 Doktoranden verschiedener Fächer und promovierte Unterstuetzer

Der Deutsche Hochschulverband

Festzuhalten ist: Es geht hier um weitaus Wichtigeres, als die Person zu Guttenberg (die meinetwegen auf Ihrem Ministerposten kleben bleiben soll – auch wenn man sich fragt, wer dem in Zukunft noch etwas abkaufen will) oder die zahlreichen Wahlkämpfe in diesem Jahr (auf welche die Opposition mit ihren scharfen Angriffen aus Eigeninteresse selbstverständlich abzielt). Es geht um das internationale Anstehen deutscher akademischer Titel, um das Vertrauen innerhalb der Scientific Community, das Verhältnis zwischen Wissenschaft und Politik und das Vertrauen der Bürger in die Wissenschaft. All dies sind bedeutende Werte, die hier zu Grabe getragen werden, wenn nicht eindeutig und klar benannt wird, dass es sich hierbei nicht um ein Kavaliersdelikt, ein Versehen oder ähnliches, sondern groben Vorsatz und arglistige Täuschung handelt, die nicht wegzudiskutieren sind, wie sich auch jeder interessierte Bürger auf Guttenplagg selbst überzeugen kann. Falls das nicht geschieht, muss sich jedenfalls niemand über einen kommenden „Brain-Drain“ wundern.

Nebenbei gesagt ist jenes Wiki ein deutliches Zeichen dafür, dass das Internet nicht etwa dem Betrug Vorschub leistet, sondern der öffentlichen demokratischen Transparenz und Aufklärung. Hätte der Herr Minister vor 30 Jahren seine Mitarbeiter seine Promotionsarbeit zusammenstückeln lassen und seine Eigenleistung aufs Redigieren beschränkt, es wäre vermutlich niemals rausgekommen.

Deutliche Worte (für mich auch ohne übertriebene Polemik) aus Sicht der Wissenschaft fand Herr Dr. Dr. Karl Lauterbach in der Bundestagsdebatte zum Thema:

Update:

Frank Rieger (CCC) hat eine Protestdemonstration zum Thema angemeldet, für die ich hier gerne werbe:

Diese Frage muss man inzwischen wirklich ernsthaft stellen. Auf der einen Seite fabriziert Ihr Shows in übelster Boulevard-Manier (vgl. die Kommentare von Christian Floto / Deutschlandfunk und Christopher Keil / SZ, wie auch den Bericht bei ZAPP über den Lierhaus-Auftritt), Samstag-Abend-Shows auf dem Niveau von Kinderfernsehen und macht Euch durchgehend zum Cross-Promoter der BILD-Zeitung. Auf der anderen Seite lasst Ihr Euch, wenn Leute bei Euch wirklich mal gute, politische und kritische Sendungen produzieren, massiv von Politik und Lobbyisten reinreden, wie etwa im Fall von Frontal21 oder der Heute-Show. Und dann wundert Ihr Euch, dass die Privaten (die Boulevard, Billig und Skandal eben besser können) Euch abhängen? War da nicht was mit nem gesellschaftlichen (Bildungs-)Auftrag? Die ARD hat das (abgesehen von ihrer neuen Sendezeit-Politik) ganz gut begriffen. Aber Ihr? Demnächst kommt ja nun wohl die GEZ-Steuer, spätestens dann hoffe ich auf Besserung. Denn was hilft die schönste Online-Mediathek, was ein niegelnagelneues Nachrichtenstudio, wenn einfach kein brauchbarer, spannender und seriöser Content produziert wird?

http://www.youtube.com/watch?v=R8SV-UPZPeY&feature=related

… wie kann das funktionieren? Die Mädels und Jungs von der Royal Society for the Encouragement of the Arts, Manufactures and Commerce haben sich in netten Comics genau darüber Gedanken gemacht und Empathie und Wissenschaft spielen dabei eine große Rolle:

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