10.10.2009

Es ist immer wieder erstaunlich und zugleich traurig, wie die deutsche methodologische Diskussion der internationalen Debatte in den Sozialwissenschaften hinterher hängt und extrem verkniffen und festgefahren ist. Ein prägnantes Beispiel ist ein Vergleich meiner im vorletzten Posting geschilderten Eindrücke der Triangulations-Tagung in Gießen mit den Argumenten, die im aktuellen Methodenlehrbuch von Alan Bryman vertreten werden, welches gestern in meinem Briefkasten lag. Neben der Tatsache, dass im Buch von Bryman nicht ohne Grund der Kritische Realismus als mögliche ontologisch-epistemologische Fundierung „triangulativer“ Forschung präsentiert wird (wovon in Gießen natürlich in keinem Beitrag überhaupt die Rede war), wird dort auch nochmals ausführlich dargestellt, dass ontologisch-epistemologische Positionen keineswegs so eng mit bestimmten Verfahrenstypen verknüpft sind, wie uns das manche Damen und Herren Professoren in Deutschland (und nahezu alle deutschen Methodenlehrbücher) immer noch verkaufen wollen.

Neben dem inspirierenden Zugang zu „Mixed-Methods“ ist das Buch nebenbei auch noch didaktisch hervorragend aufgemacht und ich würde es jedem für die Methodenlehre im Bachelor recht uneingeschränkt empfehlen. Leider werden wohl viele Studis durch die englische Sprache abgeschreckt sein. Vielleicht ist ja langfristig eine Übersetzung in Sicht..

Befragt nach seinen Wünschen und Hoffnungen in Bezug auf die universitäre Methodenlehre und Methodenanwendung in den kommenden Jahrzehnten rät Bryman sinngemäß im auch unten eingebetteten Interview:

– sich nicht zu früh auf einen bestimmten Zugang und Verfahren festzulegen, sondern sich breit über verschiedene Zugänge und Verfahren zu informieren

– viel echte Forschungsartikel lesen, anstatt nur theoretisch aus Methodenbüchern zu lernen

– sich auf keinen Fall in ein qualitatives oder quantitatives Ghetto zurückzuziehen

– den kreativen Umgang mit unterschiedlichen methodischen Verfahren und ihrer Kombination aus dem Bereich qualitativer Verfahren auch auf den quantitativen Bereich übertragen

– das Qualitative vor einer Überformalisierung bewahren, ohne die Diskussion um Validitäts- und Qualitätsansprüche zu vernachlässigen

Diese Tipps kann ich den meisten Referenten der genannten Tagung nur wärmstens ans Herz legen. Für mich sind diese Punkte seit langem eine Selbstverständlichkeit, die ich versuche, auch in meinen Methodenlehrveranstaltungen zu vermitteln.

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