12.11.2009

.. genauer, eine Rezension von Frank Schirrmachers neuem Buch „Payback „ hat Rudolf Maresch bei Telepolis verfasst.  Mir fehlt ein wenig der Bezug zu McLuhan, aber ansonsten finden sich sehr viele lesenwerte und wichtige technikphilosophische Gedanken. Persönlich wäre ich jedoch vorsichtig mit dem Plädoyer für eine evolutionär-biologisch bedingte Begrenztheit des Menschen in Bezug auf  „Informationen“.  Dahinter steht implizit ein verkürzter anti-konstruktivistischer Informationsbegriff, genauer ein Ausblenden der sozialisations- und kontextgebundenheit von relevanten  Bedeutungen, die aus „Informationsangeboten“ erst induktiv-deduktiv erzeugt werden müssen, und nie und nimmer eine „Eigenschaft“ bestimmter Medienformen oder Medienangebote sind. Das Medium ist die Botschaft und natürlich verändert uns die Ausweitung unseres Körpers und unseres „Nervenkostüms“ durch vernetzte technische intelligente audiovisuelle Informationsmedien und verändern Anthropos auch zu einer anderen sozialen Daseins- und Existenzform und das nicht immer in eine normativ wünschenswerte Richtung. Aber eine biologische Begrenztheit zu unterstelle, dafür fehlen jegliche empirischen Belege. Die Paradigmen der klassischen aufmerksamkeitspsychologischen Grundlagenforschung sind an Laborbedingungen gebunden, die per Definition die Untersuchung von Sozialisations- und Kontexteffekten ausschlossen. Dies wurde auch unter anderem von dem Bielefelder Kognitionspsychologen  Odmar Neumann kritisiert: Menschen entwickeln,  so ist aufgrund von neuropsychologischen Untersuchungen anzunehmen,  komplexe Fähigkeiten (Skills) im Rahmen der Handlungsplanung und Handlungsdurchführungen Primärhandlungen von Sekundärhandlungen zu trennen, in dem gezielte Inhibitionsmechanismen aktiviert werden, die über Trainingsvorgänge geschult werden.

Anstatt über evolutionär-strukturelle Grenzen oder Berechenbarkeit menschlicher Handlungen und „Maschinisierung des Menschen“ zu philosophieren (wie Maresch), oder den Untergang des romantisch-verklärten Feuilleton Abendlandes zu beschwören, sich aber gleichzeitig tumb von medialen Neuerungen anfixen lassen  (Schirrmacher) sollten wir empirisch erforschen, wie die Fähigkeit zur Handlungskoordination verbessert werden kann, da nur ein Mensch ohne Handlungskoordination und Selbstwirksamkeit einer „Flut“ erliegt und ergründen, welche weiteren Formen von Kompetenzen die von Schirrmacher beschriebene mediatisierte Gesellschaft impliziert. Mit anderen Worten: wir sollten kritisch-realistisch den Mediennovellierungen gegenüberstehen.

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