Keine Frage, politische Initiativen, welche das Ansinnen haben, die Lesekompetenz und politische Bildung Heranwachsender zu fördern, werden immer meine prinzipielle Unterstützung finden. Die Pressemitteilung zur aktuellen Aktion von Kulturstaatsminister Neumann mit dem Titel  „Nationale Initiativ Printmedien lässt aber aus meiner Sicht nur zwei wenig schmeichelhafte Interpretationen des dahinter stehenden Ansinnens zu:

Entweder hat da jemand nicht verstanden, dass es um Lesen als Medienkompetenz und um politische Bildung mit dem Ziel aktiver Partizipation Jugendlicher  gehen sollte und nicht um die Förderung einer rückwärtsgewandten, Ressourcen-verrnichtenden und CO2 beeinträchtigenden Produktion bedruckten Papiers, die an der Lebenswelt Heranwachsender grundsätzlich vorbei geht und NICHTS, aber auch GAR NICHTS mit Stärkung von Medienkompetenz und noch weniger mit der Anregung zu aktuellen Formen politischer Partizipation  zu tun hat.  Sollte diese Deutung zutreffen, empfehle ich Herrn Neumann eine Beschäftigung mit aktueller medienpädagogischer Forschungsliteratur zum Thema.

Oder aber, und das wäre die bösere Interpretation, es geht Herrn Neumann sowieso in Wirklichkeit gar nicht um die Förderung politischer Beteiligung Heranwachsender, sondern um das, was diese Regierung nach Meinung einiger Journalisten und vieler Blogger von Anfang an auf vielen Gebieten betrieben hat: Klientelpolitik, hier in Form der Stärkung einer sterbenden Contentindustrie, welche selbstverschuldet und ignorant wichtige mediale Entwicklungen verschlafen hat und nun versucht sich hektisch mit immer wieder scheiternden paid-Content-Initiativen zu retten. Von dem eklatanten qualitativen Unterschied zwischen dem Kauf einer der sogenannten deutschen „Qualitätszeitungen“, deren Tagesgeschäft hauptsächlich darin besteht, im Stile ihrer vermeintlichen Leserschaft Agenturmeldungen unkritisch zu paraphrasieren, gegenüber der Möglichkeit, sich im globalen Maßstab kostenlos ein umfassendes, abgewogenes eigenes Bild politischen Handelns aus der Sicht ganz unterschiedlicher Medien, Blogger und Stakeholder zu machen (in anderen Ländern gibts ja teilweise gar noch investigativen Journalismus) – was wohl eher dem in der Presseerklärung hochgehaltenen Prinzip „Meinungsfreiheit“ und „Kompetenz“ entspräche, will ich hier noch nicht mal schreiben.

Kurzum: Welche der beiden Interpretationen man lieber folgen mag, überlasse ich dem politisch informierten Leser.

Nichtsdestotrotz: Die Grundidee der Initiative ist gut (ich will hier nicht alles madig machen), nur bei der Umsetzung und PR-Politik sollte man sich eben nicht von Lobbyisten oder Marketingvertretern, sondern besser von Medienpädagogen beraten lassen. Wie sonst kann man auf Formulierungen kommen, die sich mit „dem besonderen Wert des gedruckten Wortes“  befassen, oder meinen, dass „Printmedien unverzichtbar für die Demokratie“ wären. Marshall McLuhan hätte bereits vor 30 Jahren solche Aussagen mit recht als reaktionär und Ausdruck einer „Nachtwandlermentalität“ bezeichnet. Dem ist wenig hinzuzufügen.  Alles andere an der Aktion, insbesondere die Förderung von Lesekompetenz ist natürlich absolut unterstützenswert.

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